Auberge Marianne

Freitag, 12. Juli 1996 | von

Alternativversion von
Dr. Konrad Kärn

Orginaltext von Dieter Emil Baumert (schwarze Schrift)
Alternativversion bearbeitet von Konrad Kärn (blaue Schrift)

1996

Sie waren müde und abgespannt. Die Reise war lang und anstrengend gewesen, der Bus hatte sie zuletzt hin- und hergeschüttelt, ihr
Innerstes durcheinandergewirbelt, in tausend Stücke, Einzelteile wirbelten umher, die Gedanken folgten keinen klaren Mustern mehr, sie hefteten sich an die umherwirbelnden Stücke, wirbelten durch die Luft. Erst als der Bus langsamer fuhr, anhielt, zogen sie sich alle wieder zusammen, setzten sich an die Teile im Körper, ergaben einen neuen Körper, einer, der dem alten glich, vielleicht war es noch der alte, jetzt rausche es nur noch, begleitet vom Hämmern des Herzens, bumm, bumm, bumm, bumm machte es gleichmäßig, rhythmisch.

Sie stiegen in einem Dörfchen aus, nahe dem Meer. Ein wunderbarer Duft nach thymiangebratenem Fleisch drang in ihre Nasen, betörte ihre Sinne. Eine alte Kneipe in einem einstöckigen Gebäude stand am Straßenrand, von dort kam der Duft. An einem Holztresen standen alte Männer vor halbleeren Pastis- und Weingläsern und vor kleinen Kaffeetassen. Aus der Küche im hinteren Raum klirrten Gläsertöne, eine Frau schrie etwas, das zwischen Analerotik und Glühwürmchen lag – die Männer lachten.

Sie standen vor der Tür, aber die Trägheit des Fahrens lag noch auf ihren Körpern, und dumpf wanderten sie weiter, die kleine Straße des Dorfes entlang, hin zum Meer. Es war Ebbe und lang zog sich die klebrige Masse des Schlicks bis zum Horizont. Der Wind hatte sich zur Ruhe gelegt. Eine Gruppe von Mädchen kam kichernd aus einer Hauseinfahrt, bog in ein kleines Gässchen, verschwand. Der Hall ihres Lachens drang an ihren Ohren, durchdrang ihre Müdigkeit, befreite die Sehnsucht.

Zwei ältere Frauen auf der Straße wiesen ihnen den Weg: „Ja, geradeaus, dann links und dann nach zwanzig Metern sehen Sie links das Restaurant. Da werden Sie ein Zimmer finden, Madame und Monsieur“. „Merci Mesdames, Au revoir“. Abseits vom Trubel der Straße stand das kleine, zweistöckige Gasthaus. Hinter den Gardinen und dem Schild „Hotel“ auf der Glastür sahen sie noch Licht, mit ihren Reisetaschen in den Händen traten sie ein. Drei Frauen blickten empor, ihnen entgegen, lächelten, fragten, was sie für sie tun könnten. „Wir suchen ein Zimmer für die Nacht, Madame“. „Oh, Verzeihung, das ist schade, wir sind belegt, wissen Sie, noch ist Feriensaison, bis Sonntag. Dann wird es hier wieder ruhig.“ Die Älteste hatte diese gesagt, es war die Mutter der beiden anderen, jüngeren Frauen, wie sie unschwer erkannten.

Aber sie wollten sie nicht so ziehen lassen, zogen das Telefon zu sich heran, suchten im Telefonbuch die Namen und die Nummern der anderen Pensionen, fanden sie, riefen an und waren mit den Gästen glücklich, dass diese ein Bett für die Nacht fanden. „Kommen Sie“ sagte die älteste der beiden Schwestern, mit langem dunklen Haar und einem verschmitzten Lächeln: „Ich fahre sie dorthin.“ Judith fragte: „Was sind wir Ihnen schuldig, Madame?“ „Ach nichts“ und ihre charmante Chauffeurin ergänzt: „Kommen Sie doch mal zum Essen, unsere Küche ist sehr gut.“ „Ja, das werden wir tun, vielen Dank, Madame.“

Nach einer Woche am Meer, voller Erholung und Liebe – die Zeit ist stehen geblieben – waren es drei Tage oder drei Wochen, nach einem höllischen Sonnenbrand, wunderbaren Planscherlebnissen im Salzwasser, nach Sandburgen und Strandspaziergängen, nach Abenden voller Lyrik und Poesie, nach Rotwein und Baguette, nach Käse und starkem Kaffee, kommen sie wieder ins kleine Restaurant.

Es ist Mittag, an der Theke stehen Männer, Arbeitsmänner, Kaffee und Pastis trinkend, laut, plaudernd, sich erregend. Der Fischfang war schlecht gewesen, die Steuern wurden schon erhöht, die Frau des Bäckers war noch immer verschwunden. Die Frauen waren wieder da, lachten erfreut, sie zu sehen, brachten die Speisekarte. „Bringen Sie uns je einmal das Menü eins und das Menü zwei, für jeden von uns die Hälfte.“ „Gerne, hatten Sie schöne Tage am Meer?“ „Ja, es war herrlich, der Atlantik ruhte mild an unserer Seite“. Sie blieben im Vorderraum, zogen sich nicht in den vornehmen Speiseraum zurück, ließen sich von den Worten umspülen, wie sie es am Meer sitzend mit den Wellen gemacht hatten. Das wurde von den Anwesenden wohlwollend aufgenommen, es wurde ihnen zugeprostet und einen guten Appetit gewünscht. Das Mahl begann mit Muscheln, mmh, eine ganz große Schüssel. Genüsslich öffnete sie die Schalen, zogen gierig mit ihren Mündern das Fleisch aus ihrem Schutzhaus, tunkten genießerisch das Weißbrot in die Sauce voller Olivenöl, Knoblauch und Weißwein. Judiths weißen Haar glänzte, sie strahlte ihn an, und sie waren glücklich.

Am Nebentisch hatten sich neue Gäste dazugesellt, sie aßen auch etwas, lachten und klirrten mit den Gläsern. Das Essen war gut, der kulinarische Höhepunkt dieser Tage, kleine Entenbrüstchen verschwanden in ihrem Magen, kühler Rosé kühlte ihre Gaumen und ein kaltes Parfait wurde vom süßheißen Espresso im Körper umschlossen.

Sie hatten im Laufe des Essen gefragt, ob sie heute ein Zimmer hätten und zufrieden wurde ihnen das bejaht. Die Kneipe leerte sich, auch sie wurden verabschiedet, ein kurzer Gruß, ein Winken, ein Lächeln.

Die Frauen der Kneipe verschwanden ab und zu in der Küche, jetzt aßen sie dort ihr Mittagessen. Das mehrgängige Menü hatte sie beide
schläfrig gemacht, es drängte sie ins Bett. Aber wie magisch verstanden die Frauen den Termin hinauszuschieben, den Zeitpunkt des Aufbruchs ins Bett zu verzögern. Wie eifersüchtige Geliebte strichen sie umher, wollten lieber, dass die Gäste gehen, ans Meer, in die Stadt, oder dass sie auf den Stühlen einschliefen, als dass sie jetzt, in ihrem Haus, in ihr Bett gingen. Durch das glückliche Paar war plötzlich die Abwesenheit der Männer bewusst geworden, hatte sich, erst wie ein leises Lächeln, dann wie ein bedrohliches Brummen über sie gelegt, war in die Ritzen des Hauses gedrungen, hatte sich auf die Tischdecken der kleinen Gästetische gelegt. Bis an die Grenzen der Unhöflichkeit wurde die Zeit ausgedehnt, ein Aperitif ausgegeben, ein Teller fiel, zerbrach aber nicht.

Überraschend stand die jüngste der Frauen vor ihnen. Sie waren bereit, aus der astigen Wurzelholztüre, es musste eine Zwiebelkiefer sein, herauszutreten, und ihre Schlafgemächer aufzusuchen, aber sie vertrat ihnen regelrecht den Weg. Im Gang, etwas weiter hinten, hatten sich die ältere Schwester und die Mutter aufgebaut, nur schemenhaft sichtbar. „Jetzt nicht“, flüsterte die Junge. Er boxte mit der Hand gegen das immer noch harzgetränkte Holz und war sogar versucht, gegen die Türe zu treten. „Weshalb nicht?“ sagte er unwirsch. „Wir sind müde.“ „Nicht, nicht“, sagte die Junge beschwörend, „um diese Zeit kommen sie immer. Gehen Sie weg oder trinken Sie noch etwas hier unten, aber gehen Sie
nicht in die Zimmer.“ „Ja, aber Sie haben uns doch diese Zimmer vermietet. Wer also kommt?“ „Die Männer“, sagte die Junge, „der Vater und unsere Männer“. „Wo sind sie sonst?“ sagte er gereizt. „Was vermieten Sie uns Zimmer, wo sich Ihre Männer aufhalten?“ Seine Müdigkeit hatte ein Stadium erreicht, in dem einiges um ihn herum verschwamm, anderes aber dafür überdeutlich wurde. „Sie sind auf See“ sagte sie leise, „in der Biskaya. Zum Fischen. Für immer. Nur in dieser Nacht kommen sie. Zu mir. Zu uns.“ Sie schürzte den Rock kokett, aber von hinten. Judith beobachtete gerade diese Geste mit seitwärts geneigtem, halb skeptischem, halb amüsiertem Blick. „Schluss jetzt“, sagte er mit einer entschlossenen Müdigkeit, „Platz machen“, und räumte die Junge einfach zur Seite. Judit folgte. Im Gang aber, hochaufgerichtet, in einer schwarzen Mantilla, standen die Mutter und die ältere Schwester, welche eine rote Blüte am Ohr trug. Er stampfte an ihnen vorbei, Hände streckten sich ihm wie gewundene Schlangenleiber entgegen, aber er riss die Zimmertüre auf – und ein herber Geruch von Tang, Jod und Salzwasser erfasste ihn. An den beiden Betten standen zwei Paar Seestiefel, noch nass, kleine Lachen hatten sich um sie herum gebildet. Er ergriff die Seestiefel, riss das Fenster auf und warf sie hinaus. „Komm’ Judith!“ rief er halb irrsinnig und schloss das Fenster wieder. Wo war sie? Sie musste sich noch im Gang befinden. Er ging zurück und blickte in ein Gewoge von Armen und Windungen. In diesem Augenblick löste sich etwas von der Wand und ging wie auf Socken durch den Raum, er folgte ihm, packte Judith am Arm und zog sie an sich, ganz dich. In diesem
Augenblick schrien die beiden Frauen im Gang laut auf.
©Konrad Kärn

Dann war der Kampf beendet, Mutter und Tochter hatten sich wieder gefangen, die ältere der Schwestern kam – verhüllt von einer Aura von Zärtlichkeit und Trauer – zu kassieren, die Mutter führte sie kurz darauf in ihr Zimmer.

Am nächsten Morgen, früh, alles schlief noch, weckte sie der Wecker, sie mussten zum Bus, schweigend und ohne Gruß verließen sie die Auberge Marianne.

© Dieter Emil Baumert, Konrad Kärn & VG Wort, Bonn