Vom Dableiben und Weggehen

Freitag, 12. Juli 1996 | von

Dr. Konrad Kärn

1996

Für Dieter Baumert wäre es das einmal zu wenig lässig Weggegangensein, was ihn reute, ich entschiede mich im Zweifel auf jeden Fall fürs Dableiben. Wer in der Welt des technologischen Arbeiters noch meint, irgendwo anders grundlegend Neues zu sehen, irrt. Kühl wären lediglich unterschiedliche Verpuppungs-, Entstellungs- und Degenerations-, kaum Entwicklungsstadien zu registrieren. Selbst der Mars bietet, wenngleich wohltuend menschenleer, nichts wesentlich Neues.

Tragisch wäre freilich, einmal zu wenig weggegangen zu sein und die eine, entscheidende Begegnung nicht gemacht zu haben. Aus dem gleichen Grund kann gesagt werden, daß die Welt überall bunt sei und daß sich aus manchem Winkel doch Schönes entbirgt, was ungesehen bleibt, wenn nicht weggegangen wird: ein ungefundener Stein, ein unentdeckt gebliebene Druse, eine, die einzige Blume, weniger der einmalige Mensch. Letzterer kommt seltener vor als ein schöner Stein. Tragisch auch jene Legionen, die einmal weggegangen sind und nie mehr zurückkamen: die finale, besondere Banalität des Todes auf der Reise. In Manila in einem Hotelzimmer sterben, gar ermordet werden. Pickpockets in die Hände zu fallen, dem Bettel der Armen preisgegeben, der aber auch schon in die Wohlstandsinseln der ersten Welt hineinspült. Mit einem Billigairliner in den Sumpf. Aus der biederen Einförmigkeit in ein verheißendes Fremdes, und dann – der Tod ist ohnedies ein unerträglich banales Ereignis – die Zerlegung des technoid Mangelhalften, und daran zugrundegehen.

Anders diejenigen, welche fortgingen, und eroberten, dortblieben, einen Kramladen in Cincinnati eröffnete, ein Stück gerodetes Land,
Hernan Cortez, dem Mexico zufiel.

Aber das hat mit der Banalität des heutigen Weggehens nichts zu tun, nicht mit der rituellen Wut des Wegfahrens, welche die der Postkultur täglich überantworteten periodisch befällt, nicht mit dem merkwürdigen Gefühl des Wiederkommens, wo schon nach wenigen Wochen alles dumpf riecht, bekannt erscheint und doch abwesend war, merkwürdig fremd erscheint.

Mich interessieren schon bei kleineren Reisen lediglich Details von Bewegungen, die Aufgabenstellung, etwas wieder in ein Bild zu fassen. Dagegen die Selbstverständlichkeit, mit der Baumert irgendwo anders ist und das Dortige auf- und einsagt und so schnell zu einem Eigenen macht, eine Fähigkeit, die mir abgeht, und weshalb ich dem Reisen auch auf kurzen Distanzen nicht traue, welch grausame Enttäuschung, entdecken zu müssen, schließlich doch der Fremde geblieben zu sein. Wenn ich mich reisend bewege, trachte ich danach, das Besondere zu erwarten, welches dann regelmäßig nicht eintrifft, im Gegenteil, noch tiefere Enttäuschungen überrollen die mitgebrachten. Man sucht mystische Orte auf, an denen man etwas zu finden hofft, eine Stadt, einen Berg, und die Mystik geht dann in irgendeinem abgebrauchten Tempelbezirk oder einer zur „Sehenswürdigkeit“ herabgewürdigten Stätte soweit flöten, daß man lieber bei den Fiktionen der Bilder in den Kunstbänden geblieben wäre.

Anders dagegen Baumert: Er gewinnt ein dichtes, ein sinnliches Verhältnis zum neuen Ort, schlingt alles wohlverkoksend in sich ein, veranstaltet Kopulationen mit der Landschaft; wo sich mir bestenfalls Linien offenbaren, überfallen ihn schwellende, bukolische Feste, prächtige Szenen, sofort gewinnt er ein erotisches Verhältnis zu dem Neuen, was ihn umgibt. Farben und Düfte tusche er in seinen Reisebeschreibungen auf, ich aber, der ich von der Konstruktion herkomme, bemerke die Unordentlichkeit der Landschaften und finde das Desillusionierende mit sicherer Spürnase auf, und deshalb verordne ich mir bestenfalls dosierte Veränderungen, während sich Baumert, und darum beneide ich ihn, rückhaltlos und mit einer viel packenderen deutschen Erfahrungstiefe Fernflügen und erdumkreisenden Rotationen ergeben darf.