Den Mut gegeben, mir treu zu bleiben

Samstag, 28. September 2019 | von

Von Tara Britta Lüthje-Nagel

Lieber Dieter, liebe Daggi,
ich schreibe euch, weil ich im Laufe meines Lebens immer wieder an euch denken musste, euch dann wieder vergaß, um euch nun zufällig hier im Netz zu
finden.
Ich hatte eine Einladung zu einer Vernissage von Bruni Regenbogen von
Angelika Gerlach aus Hamburg bekommen. Angelika kenne ich, weil sie und meine Eltern einen gemeinsamen Bekannten hatten: den Maler Horst Janssen.
Aber das spielt eigentlich keine Rolle.
Ich schreibe euch nämlich vor allen Dingen, weil es mir ein Bedürfnis ist,
euch von Herzen zu danken…

Anfang der 80er Jahre war ich ein Mädchen von 14 Jahren und lebte in Grenzach Wyhlen. Dorthin hatte es meine Familie von Hamburg aus verschlagen, nachdem die Reederei, in der mein Vater tätig war, die See-Schiffahrt eingestellt hatte, um nurmehr den Rhein zu befahren.

Für mich war dieser Umzug schrecklich. Wyhlens piefige Enge machte mir zu schaffen. Nachdem ich mit meinen Freundinnen das erste Mal gekifft und danach in Basel im Kino das Musical „Hair“ geguckt hatte, war klar: ich bin ein Hippie!

Im bürgerlichen Einfamilien Reihenhaus meiner Eltern begann ich die Musik zu hören die mich prägte: Doors, King Crimson, Amon Düül, Tangerine Dream, Frank Zappa, Schneewittchen… Und ich begann zu lesen: u.a. Hermann Hesse, Anja Meulenbelts „die Scham ist vorbei“ und Bücher von Sergius Golowin, die sich mit dem Leben der Jenischen und anderem fahrenden Volk beschäftigten und viel radikal Links-politisches.

Meine Eltern fanden das alles lächerlich.

Mir war es todernst: ich wollte meine Leute, meinen Stamm suchen. Ich wollte die Welt bereisen und in einem Zirkuswagen leben. Ich wollte singen und Musik machen und das ganze Syytem kotzte mich an.

Eine Weile fand ich ein paar Freunde, mit denen ich mein Dope und meine Träume teilte. Meistens fühlte ich mich einsam. Außerdem wehte ein ziemlich starker Gegenwind: ich sollte mich nach der Schule für einen Beruf entscheiden. Mir fiel absolut nichts ein.

Heute schickt man junge Erwachsene weltwärts. Work & Travel, freiwilliges
ökologisches Jahr usw. Damals konnte man als Au pair in irgendwelchen ausgewählten Spießerfamilien Kinder hüten. Der Gedanke war mir zuwider. Ziemlich verzweifelt machte ich dann in Grenzach eine Bäckerlehre. Flog in meiner Freizeit auf den Schwingen meiner Musik, machte für mich ganz alleine Rituale am Rheinufer und studierte Tarotkarten.

Eines Tages, da war ich 17, nahm sich mein Freund Tommi das Leben. Er hängte sich auf, nachdem ich mich von ihm getrennt hatte.

Das ganze Dorf inklusive meiner Eltern gab mir die Schuld.

Ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich in euer Lädeli kam. Es regnete ziemlich stark, aber ich hatte mich mit meiner kleinen Vespa auf den Weg nach Lörrach gemacht, um mich von dem ganzen Elend abzulenken. Bloß raus aus dem Dunstkreis meiner Eltern. Bloß weg aus diesem Dorf, in dem ich mich von allen vorwurfsvoll oder bedauernd angestarrt fühlte.

Im Lädeli wollte ich mir einen neuen roten Kalender und eine TAZ kaufen. Eine Treppe höher gab es neben jeder Menge Bücher auch gemütliche Sessel. In einen von ihnen ließ ich mich fallen. Ihr beide wart friedlich nebeneinander beschäftigt. Jeder für sich. Daggi, du warst im Alter meiner Mutter, aber so ganz anders: Du trugst dein graues Haar lang und offen. Offen war auch dein Lächeln. Du warst die schönste Frau, die mir bis daher begegnet war. Dieter fragte mich mit sanfter Stimme, ob ich einen Tee wolle. Für mich war dies das
erste Mal, dass ich mich einfach so, als Unbekannte, Fremde willkommen geheißen fühlte. Einfach nur willkommen. Ohne Fragen, ohne Argwohn, ohne Abschätzung – einfach als Mensch. Das hat mich für einen Moment dermaßen angerührt, dass ich ein bisschen weinen musste. Dankbar nahm ich den Tee und genoss, die Tasse in der Hand das Gefühl, Mensch unter Menschen zu sein. Ich trank langsam. Genoss jeden Schluck, den Zeitpunkt hinauszögernd, an dem die Tasse leer würde. Es gab kein Gespräch zwischen uns. Eure vorurteilslose Freundlichkeit aber ließ mich wissen, dass es die Menschen, die ich suchte, wirklich gab.

Dieser Gedanke und das damit verbundene Gefühl der Zuversicht sollte mich nie wieder verlassen.

Es gab mir immer wieder die Kraft, weiter zu suchen.

Eines Tages stellte ich mich mit 300.- Mark in der Tasche an die Autobahn und trampte nach Berlin, um mich dort umzusehen und mein Glück zu suchen. Ich arbeitete in selbstverwalteten Bäckereikollektiven, besetzte Häuser, lebte in Kommunen und WGs, bereiste Afrika, Europa und Indien.

In einem besetzten Jagdschloss in einem der Randgebiete der großen Stadt bekam ich meine erste Tochter, deren Vater starb, als sie vier war. Ich arbeitete als Kartenlegerin auf Mittelaltermärkten, kaufte mir einen 10 Meter langen Zirkuswagen, mit dem ich irgendwann in der Prignitz landete, diesem Land zwischen HH und Berlin. Arbeitete weiter auf Mittelaltermärkten: als Schwertkämpferin, Stuntfrau und Feuerartistin. Später gründete ich eine Straßentheatergruppe und begann, Musik zu machen. Als 10 Jahre nach der Geburt meiner ersten Tochter die zweite kam, konnte ich schon von meiner Musik leben. Nach 18 Jahren, in denen er mir ein tolles Zuhause war, verkaufte ich meinen Wagen. Heute lebe ich in einem kleinen Fachwerkhaus zusammen mit meinem Mann.

Die Kinder sind aus dem Haus und wir machen in verschiedenen Besetzungen zusammen Musik. (Herr Maria & Dezibella, Satolstelamanderfanz). Ich danke euch beiden für diese Tasse Tee. Für euer stilles Willkommen vor so vielen Jahren. Ich werde euch nie vergessen, denn ihr habt mir den Mut gegeben, mir treu zu bleiben!

Alles Liebe für euch,
Tara Britta Lüthje-Nagel