Das Rote Feigenblatt im Eli

Freitag, 21. Juni 2024

Von Andreas Havlik

Buongiorno amico mio
Jetzt habe ich mich doch nach dem Lesen einiger Texte auf deiner Seite dazu inspirieren lassen, einen kleinen Aufsatz aus meinem politischen/beruflichen Leben zu schreiben, dabei hatte ich viel Spaß. Ich hoffe, es zaubert auch ein kleines Schmunzeln in dein Gesicht. Ich will es dir schenken. Und wenn es dir nicht zu banal vorkommt, darfst du es gerne auf deine Seite nehmen. Ich genieße es, jetzt hier und heute völlig losgelöst und ohne Angst vor eventuellen Folgen alles zu sagen zu schreiben. Niemand kann mir mehr was – die Gnade des Alters!
Liebe Grüße
Andreas

Das Rote Feigenblatt im Eli

Ich wechsle 1977 vom Kantonspital Basel ins Elisabethen Krankenhaus Lörrach. Wir waren ein Jahr vorher von Lörrach nach Wollbach gezogen, die Dachwohnung in der Röntgenstraße im Haus des Lebensgefährten meiner Mutter war uns zu klein geworden. Wir finden dafür neue Mieter, wilde Gesellen, die schon kurz vorher die Praxis im Erdgeschoß übernommen haben und dort ein Kommunikationszentrum gegründet haben – auch dafür haben wir uns bei Dad eingesetzt. Wir – mein Bruder und ich – wir nennen ihn Dad, er ist unser Vaterersatz seit unserer Kindheit. Ein gütiger Mensch, Arzt mit Leib und Seele, er ist über 80, als er die Praxis aufgibt.

Ich fahre jeden Tag von Wollbach nach Basel. Das ist mir nach einem Jahr zu mühsam und ich beschließe, mich nach einer neuen Stelle in Lörrach umzusehen. Warum ich mich zielgerichtet im Eli bewerbe und nicht im Städtischen Krankenhaus, das ist mir nicht mehr erinnerlich. Ich werde sofort genommen. Eine Ausbildung und Tätigkeit in der Schweiz ist wohl Referenz genug. Mein Chef in Basel, Herr Meili, ist entsetzt: „Sie und Ordensschwestern – das goht niit guät“. Er würde mich gerne behalten, er bedauert meinen Fortgang. Aber er sollte nicht Recht behalten. Es geht gut. Ich habe Spaß an der Arbeit, mit den Ordensschwestern komme ich sehr gut klar. Die gibt es zu dieser Zeit noch sehr zahlreich, jede Station wird von einer Ordensschwester geleitet, meine Chefin ist Schwester Esther, damals 27 Jahre alt, ich bin 25. Die meisten Ordensschwestern stehen mit beiden Füßen auf dem Boden, sie verstehen zu feiern und ihr Trinkspruch lautet „Heiliger Vinzenz schau hernieder, deine Schwestern saufen wieder“. Die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul. Überwiegend wunderbare Menschen.

Dann werde ich Stationsleiter einer Inneren Medizin. Das ist 1983, die ersten älteren Ordensschwestern können nicht mehr ersetzt werden, der Nachwuchs fehlt.

1984 wird in Lörrach ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Es stehen zur Wahl Rainer Offergeld, SPD, und Alois Rübsamen, CDU. Ich verfolge den Wahlkampf intensiv und ärgere mich über die Kampagne der CDU, die in vielen Kleinanzeigen diese „Ich wähle Rübsamen, weil…..“ schaltet. Das kann ich auch. Also gebe ich Anzeigen auf „Ich wähle Offergeld, weil….“ Versehen mit meinem Namen löst das in der SPD Verwunderung aus. Wer ist das? Bald darauf klingelt mein Telefon. Ein gewisser Steinbach meldet sich, er würde mich gerne zu einem Gespräch einladen. Aha. Ins Rathaus. Ok. Ich gehe hin. Er ist irgendein hohes Tier im Bauamt, SPD Mitglied und fragt mich unverblümt, ob ich Lust hätte, in die SPD einzutreten, man würde solche Leute wie mich suchen.

Ich überlege eigentlich nicht lange. Politik liegt mir schon immer am Herzen, die 68er haben mich geprägt, auch wenn ich damals erst sechzehn war, und einige Jahre habe ich Anfang der 70er die Zeitschrift „konkret“ abonniert, ich habe Ulrike Meinhof als Kolumnistin verehrt und mit den Titelblättern von konkret meine Zimmertür beklebt. Oder soll ich sagen Tittenblätter? Das käme eher hin. Damals ging das noch. Nackte Brüste waren auch irgendwie revolutionär.

Ich trete also in die SPD ein und widme mich mit Feuereifer meiner neuen Aufgabe. Offergeld gewinnt, und ich finde mich bald im Vorstand der SPD wieder. Adolf Heizmann, Armin Beckert, Michael Christl, Gaby Schupp und wie sie alle heißen oder hießen. Und ich arbeite im Eli. Mein direkter Klassenfeind ist jetzt Hans-Peter Hüttlin, er ist Krankenpfleger auf der Urologie und CDU Stadtrat, und unsere täglichen politischen Diskussionen jeden Morgen um acht Uhr in der Kantine werden zur Legende. Als die Gemeindratswahlen stattfinden, belege ich einen achtbaren Platz und so manche Ordensschwester hat mich gewählt, das verraten mir einige, ob nun heimlich oder nicht.

Im Ortsverein und im Vorstand der SPD wird immer wieder der Wunsch geäußert, dass es in Lörrach wieder die JUSOS geben sollte, also gründe ich diese Gruppe. Wir treffen uns regelmäßig, auch mal bei Offergelds auf dem Salzert, eine seiner Töchter macht auch mit, und wenn der OB ins Zimmer kommt, fragt er schon mal nach dem Stand der Revolution. Haha. Wir organisieren Nicaragua Projekte, Daniel Ortega ist unser Held, die Altvorderen in der Partei ertragen unser Treiben mit Geduld aber ohne Begeisterung. Ortega würde ich heute am liebsten in die Fresse hauen, aber so ist das eben immer. Die Revolution frisst ihre Kinder. Damals sind wir nachsichtig.

Die JUSO Aktionen laufen. Ich überreiche Johannes Rau auf dem Bahnhof in Lörrach, als er 1987 auf Bundeskanzler-Wahlkampftour ist, eine rot lackierte Mausefalle, auf der „Große Koalition“ steht, und drängle mich dabei an OB Offergeld vorbei. So geht JUSO.

Wir wollen die Jugend erreichen und laden mit Handzetteln, die wir am Hertiebrunnen verteilen, zu einen Film im Free Cinema ein. Holger „Holgi“ Barfod, der dort engagiert ist, Zivi im Eli und einer meiner besten Freunde, wie so viele Zivis, organisiert den Film „Talking Heads Stop making Sense“. Der Eintritt ist frei und das Free Cinema ist rappelvoll. Ich eröffne die Veranstaltung und weise darauf hin, dass wir, die JUSOS, im Anschluss zu politischen Diskussionen bereit sind. Niemand bleibt da, wir bleiben gefrustet zurück. Nach ein paar Bier hat jemand die Idee, eine Sprayaktion auf dem Schaufenster eines US Armyladens zu starten. Der Laden ist in der Tumringerstraße, ganz in der Nähe, wo einmal das Nelly Nashorn sein wird.

Unsere Enttäuschung über den nach unserer Meinung missratenen Kinoabend muss raus. Stefan schnappt sich ein paar schwarze Spraydosen, die im Cinema rumstehen und wir ziehen los. Beritt und ich wollen Schmiere stehen, ein Basler JUSO Genosse sichert den Rückzug. Stefan ist breit wie ein Tanker und er geht zügig zu Werke, übersprayt das Schaufenster, in dem allerhand militärischer Müll und Rambo voller Gewehre hängt mit „Reagan go home“ „Fuck USA“ und ähnlichen Geistesblitzen. Das geschieht sehr auffällig und ausführlich und es kommt, wie es kommen muss. Ein Polizeiauto mit quietschenden Reifen braust heran, die Beamten springen heraus, Halt stehen bleiben! Hände hoch! Stefan rennt, ein Warnschuss fällt und Stefan wird einkassiert.

Wir flüchten schockiert ins Free Cinema und trinken bedröppelt noch mehr Bier. Nach zwei Stunden taucht Stefan auf, alles easy, ich nehme alles auf mich, Ehrensache, ihr seid raus. Eine weitere Krisensitzung ein paar Tage später in meinem Bereitschaftszimmer im Ziviwohnheim folgt, und ich verspreche Stefan, dass ich für die Geldstrafe aufkommen werde. Er ist noch Schüler. Dafür mache ich eine Woche Extra-Bereitschaftsdienst und gebe ihm die 500.-DM, die ihm in einer Verhandlung aufgebrummt werden. Und er muss die Scheibe reinigen.

Im Eli kommt nicht raus, dass ich an dieser Aktion, die natürlich groß und breit im OV und der BZ erscheint, beteiligt war. Das hätte meine weitere Karriere sicherlich behindert und Hüttlin fragt mich auch scheinheilig, was da wohl los war. Ich gebe mich ahnungslos.

Denn das Krankenhaus hat mit mir Großes vor. Die Oberin Maria Elisabeth befindet, dass sie die Doppelbelastung von Oberin und Pflegedienstleitung nicht mehr tragen kann, die Bedingungen in der Pflege ändern sich rapide. Personalakquise, Organisation, Arbeitsrecht – alles wird anspruchsvoller und zeitaufwendiger. Eine Pflegedienstleitung wird gesucht. Die Krankenhausleitung entscheidet sich für mich. Ich soll mich in einem zweijährigen Pflegemanagement-Studium für diese Aufgabe qualifizieren. Das ruft meinen Klassenfeind Hüttlin auf den Plan. Er startet eine Petition an die Ordensleitung in Freiburg. Dazu lässt er Chefärzte und ausgesuchte Personen unterschreiben. Tenor: Herr Havlik ist evangelisch, nicht kirchlich getraut, seine Kinder sind nicht getauft, und überdies ist er ein Sozi. So jemand kann in einem katholischen Krankenhaus keine Leitungsposition im Krankenhausdirektorium übernehmen.

Er findet nicht genug Unterstützer, der urologische und gynäkologische Chefarzt unterschreibt, und leider versucht er auch, die Krankenschwester Liebhilde Langenstein, deren Mann CDU Stadtrat war, auf die Liste zu kriegen. Sie arbeitet auf meiner Station, eine dieser Krankenschwestern vom guten alten Schlag. Resolut, liebevoll, eine prächtige Person. Sie lehnt empört ab, damit hat er nicht gerechnet, mehr noch, sie ist so empört, dass sie mich von diesem Vorhaben unterrichtet. Ich reagiere erst einmal gelassen und warte ab. Die Liste mit ein paar Namen geht nach Freiburg in das Mutterhaus des Ordens.

Es dauert nicht lange und der Superior Waldraff erscheint in Lörrach im Eli. Der Superior ist sozusagen der Oberhirte des Ordens, der oberste Chef. Ein stattlicher Zweimetermann mit Glatze und gütigen Augen. Ich werde in die Verwaltung gerufen. Vieraugengespräch. Er kommt gleich zur Sache. Herr Havlik, welche Grundsätze, welche Werte sind im Umgang mit Religion bei ihnen wichtig? Meine Antwort lautet schlicht: Ein Patient mit muslimischem Hintergrund bekommt von mir kein Schweinefleisch und für einen katholischen Patienten, der im Sterben liegt, rufe ich Schwester Regiswindis für die Krankensalbung, die letzte Ölung. Mehr will er nicht hören, und im September 1987 trete ich mein zweijähriges Studium in Freiburg an.

Von 1989 bis 1994 bin ich Pflegedienstleiter, danach folge ich Herrn Albes, dem stellvertretenden Verwaltungsleiter im Eli, nach Thüringen.

Ich habe dem Eli viel zu verdanken.