Das geheime Sexleben meiner Schwester
Mittwoch, 26. August 2026 | von Dieter Emil Baumert
Nun habe ich endlich die zwei Tagebücher meiner Schwester Edeltraud 1. bis 21. September 1971 und 28. September 1972 bis 5. Mai 1973. Wo sind die anderen, gibt es sie nicht?
Erstaunt stelle ich fest, wie hart und klar meine Schwester mich beurteilt, kritisiert. Anders als meine Mutter, die in einem Text aus der Zeit schrieb: „Dieter, ein stadtbekannter Nichtsnutz, dem man nicht böse sein kann.“
So viel Nachsicht hat meine Schwester Edeltraud Elvira, 1939 geboren nicht mit mir, der 1952 geboren wurde.
„Unterm Weihnachtsbaum: Dieter hat natürlich kein Geschenk. Sie erklärt dann, dass das Geschenk für unsere Mutter auch von mir kommt.
Ich beteilige mich nicht am Kaffeemachen. Bis auf einmal. Herr Hallo hat Kaffee gemacht. Seine Freunde fallen in die Küche ein, sozusagen wie Heuschrecken.
Einmal kommt der Gerichtsvollzieher, um eine Schuld einzufordern. Mal ruft ein Filmverleih an und beschwert sich, dass Herr Hallo den ausgeliehenen Film nicht zurückgeschickt hat.
„Dieters Zimmer wird von ihm nicht aufgeräumt.“ Das endet irgendwann mit einer Mülltonne, in die Traudel und unsere Mutter große Teile meines Zeitschriftenarchivs dem Müll überantwortet. Noch Jahre später, noch heute, vermisse ich sie. Für Traudel hat das keinen Wert. Weg damit. Es geht mir wie Beuys:´“Ist das Kunst oder kann das weg?“
Sie besteht darauf, dass ich ausgeliehenes Geld zurückzahle.
„9.1.72. Dieter wollte zum 1. Januar ausziehen, aber er ist noch immer da. So geht das immer mit Ihm.“
Das Tagebuch ist eine intime Sammlung meiner Schwester: „Liebes Tagebuch! Ich schreibe in Dich hinein all meine Sorgen und Nöte, meine Freude, mein Leid und auch meine Liebe und Sehnsucht. Du alleine sollst erfahren, wie es in mir aussieht und was ich denke und fühle. Du sollst mein treuer Freund und Geselle sein, der schweigen kann wie das Grab.“
Heute, am 24. August 2026 öffne ich die Tagebücher, die ich letzte Woche zum ersten Mal gelesen haben. Ihr Grab, ein anonymes in der Nähe der Ehepaarwohnung von Traudel und ihrem Mann Roland Alwin Jentsch, schweigt nun nicht mehr. Auch Roland ist seit Jahren tot und wird nichts dagegen haben, wenn ich einiges aus ihrem gemeinsamen Leben berichte.
Am erstauntesten bin ich über das Sexleben meiner Schwester mit ihrem Dickerchen. Ich habe bzw. wurde 1970 entjungfert. Meine Schwester war da eine junge Frau in voller Blüte ihrer 31. Jahre und hatte sicher viele Jahre ihre Sexualität gelebt. Offen geht sie damit um, dass ihr Roland mal Erektionsprobleme hat. Das wird gelöst.
Überall pimpern sie – ein Begriff, den ich bis letzte Woche nicht kannt. In der Bahnunterführung in Säckingen haben sie Sex. Als die Mutter mal weg war, nutzen sie das elterliche Bett für ihre Liebe. Am Anfang bucht die Mutter ein Hotelzimmer, damit nichts passiere. Traudel kommentiert „Wenn die wüsste“.
Traudel versucht sich in erotischer Literatur. Anlässlich ihrer Verlobung schreibt sie eine alternative Einladung.
„Heute habe ich die Verlobungskarten alle geschrieben und adressiert. Ich will sie morgen mit zur Post nehmen. Roland hat auch eine erhalten. Allerdings mit abgeänderten Text . Er wird Augen machen wenn er sie erhält.“
„Wir haben uns verpoppt.“
„Erbsen Bärli
Scharf“
„Pimmelmännchen Hengulin
Verpickelt“
„Haus Landmann Andelbuch
Doppelbett
Sylvester 2972/197″
Anfang der Siebziger Jahre ist aber nicht nur die Zeit des sexuellen Erwachens, sondern auch die Zeit des Sexismus. Als Traudel mal in Düsseldorf in der Innenstadt spazieren geht, wird sie von einem Mann angemacht. „Na Süße, was kostet es heute?“
Im Zugabteil Richtung Basel macht sich ein junger Soldat auf dem Weg zur Armee an sie ran, entblößt sein Glied, Sie wehrt sich. Auch mit Hilfe des Schaffners verschafft sie sich Ruhe. Der junge Soldat geht in die Toilette und befriedigt sich dort.
Die Tagebücher erzählen viel vom alltäglichen Leben meiner Schwester Traudel. Politik taucht nicht auf. Nur einmal:
„ 06. September 1972. In der Stadt überall hört man nichts anderes als den Anschlag auf die israelische Mannschaft im olympischen Dorf. Es ist aber auch zu schrecklich, was da passiert ist. Unschuldige Menschen mußten ihr Leben lassen wegen ein paar so verrückter Fanatiker.“