Man stirbt nicht im August

Dienstag, 28. Juli 2026 | von

Ist das magisches Denken oder ist es ein Irrglauben? Warum soll Gevatter Tod ausgerechnet im August frei haben? Noch nie, so mein Gefühl dieser Tage, ist der Tod mir so nahe gewesen. Dabei ist er mir immer wieder begegnet, im Tod meiner Oma im fortgeschrittenen Alter, dem Tod meines Vaters, der mir mit Sechzehn begegnete.

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Warum brüllt Frau Bichler Frau Kirkowski so an

Manfred Bosch
Warum brüllt Frau Bichler Frau Kirkowski so an?
Literarische Texte aus dem Raum Lörrach
EAN 9783922107521 | ISBN 3-922107-52-4 | ISBN 978-3-922107-52-1
Ich bin begeistert von der Vielzahl der wunderbaren Texte. Säckingen kommt auch öfter vor.
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Dann starb meine Schwester 1992 als Folge einer Operation und deren Unverträglichkeit von Anästesiemitteln (wir hätten es wissen können, waren aber fixiert auf das Wohl unserer Mutter, die eine Hüftoperation hatte, und hakten im Vorfeld nicht die Checkliste für Operationen von Traudel ab). Dann starb mein Bruder Gert Robert nach jahrelangem Leben mit der Dialyse. Hätten wir ihn abwenden können? Seine Frau, aber auch ich, hätten eine Niere spenden können. Es wäre mal eine Spende gewesen, die hundert Prozent dem Empfänger zugute gekommen wär. Warum spendeten wir nicht? Auch viele Freunde und Bekannte sind gestorben, viele schon in frühen Jahren mittels eigener Hand. Wir konnten ihnen nicht die Liebe gegeben, die sie gebraucht hätten, war immer wieder meine Argumentation.

Nun regt sich in meinem Darm ein Ungeheuer, und meine Arme und Beine lassen die Blutbahnen der Adern sichtbar werden, und ich denke über kommendes Ende nach.

Dagmars Arthrose wird immer aggressiver. Sie kann nicht mehr mit ans Meer kommen, der Weg ist ihr zu weit. Aus tieferen Stühlen kann sie nicht mehr alleine aufstehen. Seit Monaten fährt sie nicht mehr Auto und anstehende Ereignisse wie das Vollmondkino bereiten ihr Sorge und Mühe. Ein Gang zu unserer Nachbarkneipe Tutti Frutti wird ihr zu viel.

Zum Arzt will sie nicht, sagt, gegen Arthrose gibt es kein Mittel. Das habe ihr der Arzt gesagt und auch Doktor Internet sage das.

Aber auch mein Umgang mit Doktoren ist grenzwertig. Vor zwei Jahren vcrbog sich der linke Ringfinger und wollte nicht mehr gerade werden. Inzwischen sind es zwei Finger. Termine im Krankenhaus erst nach Monaten des Wartens. Die Delegierung an Anna klappt nicht.

Ein Besuch bei unserem Hausarzt brachte nichts für die Verdickungen. Ein paar Tabletten. Hier wird es dann zum Problem, dass wir nicht richtig kommunizieren können, obwohl wir beide englisch sprechen. Ein bisschen Bauch abklopfen reicht da nicht. Wir sind über die modernen Möglichkeiten in Krankenhäusern über TV-Serie bestens informiert.

Doch wie sollte ein mehrtägiger Krankenhausaufenthalt zu managen sein? Wir leben nun nicht mehr, wie in unseren jungen Tagen, in einer Wohngemeinschaft.

Auch mein Sterben wäre ein Problem und ich grinse. Welches Sterben ist kein Problem? Die Menge der Folgeprobleme ist immens. Wer macht die Bankgeschäfte im Internet? Was ist mit unseren Tieren? Sadh (Sasha) kann zu Diana, unserer Nachbarin. Aber Chicca? Im Sommer ist sie bei Paola und anderen im Villago San Giuseppe. Aber im Winter ist niemand mehr da. Wenn wir nicht mehr da sind – wo bleibt sie? Und unsere beste Freundin – die Katze Twin Maa – was wird aus ihr? Schon einmal hat Daggi eine Katze zurückgelassen, in Grenzach-Wyhlen, als sie aus dem Haus ihres damaligen Ehemanns Mario (auch sein Todestag jährt sich dieser Tage) auszog. Sie reagierte mit Krebs, die Liebe der neuen Frau Uschi reicht ihr nicht, und sie wurde dann eingeschläfert, auch so ein Euphemismus, getötet, sagt es, schreibt es.

Soll ich ein Fest machen, wenn es mein Gefühl ist, dass es der letzte Geburtstag ist, bei dem ich lebend dabei bin – wieder grinse ich. Im Radio singt Zoe Wees I cannot loose Control.

Gestern kam die CD von George Moustaki, unter anderem mit dem Lied Ma Liberte. Auch das schmerzt. All meine Lieder, meine CDs, LPs und Kassetten. Wird sich jemand freuen darüber? Wird sich jemand über unsere Bibliothek freuen oder wird eines Tages der neue Eigentümer alles wegwerfen? Und so wird es auch meinen Ordnern gehen, Abheftungen der Jahre. Noch liegt der Ordner 1975 offen hier rum, den Ordner 1976 habe ich noch nicht geöffnet.

Letztens habe ich zum ersten Mal einen Text meiner Mutter aus dem Jahr gelesen, in dem sie einen Autounfall auf der Autobahn beschreibt, bei dem sie einen Menschen, der einen Reifen wechselte, tot fuhr und ihre psychischen Probleme damit, über den Prozess. Sie musste die Familie organisieren, drei Kinder wollten gesund durchs Leben gehen können und die Kinder sollten nicht unter den psychischen Problemen der Mutter leiden.

Was wissen Kinder von ihren Eltern? Wir beiden Söhne sicher nichts. Ob meine vierzehn Jahre ältere Schwester etwas wusste? Noch habe ich die drei Tagebücher von ihr nicht gelesen. Traudels Eintrag aus dem Jahr 1971 hat mich bisher davon abgehalten : „Liebes Tagebuch! Ich schreibe in Dich hinein all meine Sorgen und Nöte, meine Freude mein Leid und auch meine Liebe und Sehnsucht. Du allein sollst erfahren, wie es in mir aussieht und was ich denke und fühle. Du sollst mein treuer Freund und Geselle sein, der schweigen kann wie das Grab“.

Sollten Eltern ihren Kindern und Kindeskindern nicht mehr von sich erzählen? Die oberflächliche Kommunikation über WhatsApp ist wie Instantkaffee. Ich weiss noch, wie ich enttäuscht war, wie wir im Zoo in Sydney einen Instantkaffee bekamen, weil die Rheinfelderin an dem Tag, als wir sie besuchen wollten, nicht da war. Im Laufe des Jahres lernten wir in Australien, dass diese schnelle Zubereitung von Kaffee die normale war.

Briefe schreibt fast niemand mehr. In den Neunzigern schrieb ich: Jeder freut sich über Briefe, die er erhält, aber keiner schreibt. Die modernen Kommunikationsmittel ermöglichen eine ausführliche und schnelle Kommunikation, wie seit Menschengedenken nicht (Ausnahme: die Schnelligkeit der Gedanken und Gefühle). Habe ich es schon gesagt? Frauen und ihre Nichtkommunikation sind die großen Enttäuschungen meines Lebens (Ausnahme, wie immer: meine große Liebe Daggi).

Während Alexa auf SWR Sultans of Swing von Dire Straits spielt und zwei Ventilatoren mir Wind machen, schreibe ich zum ersten Mal auf meinem neuen Laptop. Ein PC-Absturz war dem vorausgegangen und glücklicherweise konnte der Techniker vom Teknopoint die Daten wieder herstellen. All die alten Mails und all die Adressen meines Lebens. Dass so etwas nicht wiederhergestellt werden kann, erleben dieser Tag die Menschen in den Brandgebieten Europas. Bis zum Akzeptieren der völligen Leere ist es noch ein langer Zen-Weg.

Aus meiner Max-Liste für den 14.08.2026

1. Ich
2. Daggi
3. Ulli B .
4. Barbara B.
5. Nunzio
6. Line
7. Henriette
8. Julian
9. Krystof
10. Tenia
11. Karina
12. Udo
13. Jochen
14. Elke
15. Wolfgang
16. Kerstin
17. Semi
18. Linda
19. Rosario
20. Elodia
21. Godi
22. Magret
23. Vincenzo aus Berlin
24. Ulli K
25. Andrea K
26. Danilo
27. Angela
28. Lucca
29. Dami
30. Damis Frau
31. Maria
32. Christine
33. Christina
34. Anna

Viele davon werden voraussichtlich nicht kommen. Viele Leute, viel Arbeit. Alternativ könnte es auch eine Pizza im Tutti Frutti gehen.

Man sollte schauen, dass es nicht wie ein Totenschmaus aussieht. Sitzen dann alle wie betröppelt um den Tisch und bemitleiden mich, dass ich bald den Löffel abgebe? Vielleicht sollte es Suppe geben.

Noch lebe ich.

Hunde, wollt ihr ewig leben? (Friedrich der Große)
Schlafen kann ich, wenn ich tot bin (Rainer Werner Fassbinder)

Dieter Emil Baumert
28. Juli 2026