Briefe an eine aktive Bürgerin, die sich für die Wiedereinführung der Tram in Lörrach einsetzt

Dieter Emil Baumert
Oktober 2023

Vielen Dank für Ihr Mail. Sie haben viel geleistet und die Arbeit der IG Verkehr und damit auch die Ihre ist sehr wertvoll und sie hätte es verdient mit einem Preis für bürgerschaftliches Engagement ausgezeichnet zu werden.

Ihr Buchprojekt unterstütze ich. Ich befürchte nur, dass ich Ihnen nicht viel helfen kann. Vielleicht finden Sie jemand, der damals bei der Bürgerinitative für die Tram mitgemacht hat. Die Hochzeit dieser Initiative fällt in die Zeit, als ich noch meistens in Bad Säckingen war. Aber schwach erinnere ich mich an die Unterschriftensammlung. Ich habe damals, als Herausgeber der Zeitschrift ZITTIG und 1982 als erster Kreisgeschäftsführer der Grünen Lörrach in der Sonderausgabe zu den OB-Wahlen in Lörrach einen Beitrag geschrieben. Einen Auszug zum Thema Tram habe ich auf die Facebookseite gestellt. Das ganze Heft können Sie im Stadtarchiv der Stadt Lörrach einsehen.

Bei meinen Gedanken an die Lörracher Tram fällt mir dies ein. Ich selbst habe als Säckinger die Tram nicht mehr erlebt. In den siebziger Jahren war meine Traumstadt, dem Photographenlehrling aus Säckingen, Basel, wo ich von Säckingen aus hintrampte. Dort lernte ich die Tram kennen und lieben. Meine Eltern sind in den Sechziger Jahren immer nach Lörrach gefahren – das war ihre Einkaufsstadt. Ich lächelte darüber und ging später nach Basel. Allerdings kam ich dann selbst nach Lörrach, machte im Kommunikationszentrum mit, gründete die Buchhandlung s Lädeli und war unter anderem für die Grünen aktiv.

Meine Schwierigkeiten mit der Lörracher Stadtverwaltung – OB Hugenschmidt und der Presseabteilung – bezog sich auf das Abschottungsverhalten der Verwaltung mir als kritischem alternativen Journalist. Aber auch mit dem Landrat hatte ich meine Probleme. Damals ging ich bis ins Regierungspräsidium, weil ich die Genehmigung wollte, Tonaufnahmen von Kreisratssitzungen machen zu dürfen. Ich fand mich da in guter Gesellschaft mit dem Alt-Liberalen Vortisch. Auch vom FDP-Stadtrat Peter Jensch bekam ich viel Unterstützung.

Wenn ich mir meine zehn Jahre Revue passieren lasse, während ich für und mit den Grünen Lörrach Politik machte, fällt mir auf, dass für uns Grüne und Alternative die Tram ebensowenig ein Thema war wie für die anderen Lörracher Parteien. Ich habe in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts an allen Gemeindewahlprogrammen mitgearbeitet und bei allen Kommunalwahlen ( Ausnahme 1989, da wir damals schon die Segel nach Australien gesetzt hatten) kandidiert. 1992 bin ich noch einmal auf die Gemeinderatsliste gegangen, habe auch drei oder vier Beiträge für die Wahlkampfzeitung geschrieben, die dann aber nicht publiziert wurden ( auf www.baumert.de sind sie zu finden.

Ich bin keines mal gewählt worden. Allerdings Mitte der Achtziger meine spätere Frau, die damalige Dagmar Perinelli. Sie hatte auf ihrer Agenda das Frauenhaus in Lörrach.

Warum die Tram nicht auf der Agenda stand? Ich weiss es nicht. Jo Kaltenbach hatte ein Alternativkonzept für die Gartenschau entwickelt, die statt dem Garten im Grütt ein grünes Lörrach vorsah mit der Unter-die-Erde-Legens der Straßen und viel Bäume oberhalb in der Stadt. Aber, wenn ich mich recht erinnere, war auch hier die Tram nicht vorgesehen.

Wenn also keine der Kommunalpolitiker die Tram auf der Agenda hatte, sollte man der Verwaltung keine Vorwürfe machen. Die Stadtverwaltungen unter den Oberbürgermeistern Hugenschmidt, Offergeld, Heute-Blum haben immer wieder die Anregungen der Bürger und der sie vertretenen Stadträte ( und natürlich auch im Kreisrat mit den Landräten Leible et. al) aufgegriffen und umgesetzt. So bekamen die Kulturinitiativen mehr Geld, das Frauenhaus wurde großzügig unterstützt. Die Stadtbücherei wurde gebaut, das Kulturzentrum Burghof und und und. Da wo die Bürger unzufrieden war, halfen die Bürger der Verwaltung eine Politikänderung durchzusetzen. So bei der Imitative für den Stettener Markt, für den Lörracher Flohmarkt, für den Erhalt der Villa Aichele für die Bürger oder für den Erhalt des innerstädtischen Gebietes als gemischte Wohn- und Geschäftszone ( statt eines großen Einkaufszentrums).

Politik funktioniert immer in beide Richtungen. Vom Bürger zur Verwaltung, von den Politikern hin zu der Verwaltung, von den Politikern zu den Bürgern. Immer sollte sie aber dialogisch sein. Und Grundvoraussetzung sollte die Achtung des Anderen sein, die Achtung des Andersdenkenden. Beleidigungen und ein Sound des Vorwurfes sollten unterlassen werden. Alle Teilnehmer der Bürgergesellschaft, zu der auch die Verwaltungen gehören, sollten im Dialog um die besten Lösungen für die Fragen der Jetztzeit und den Fragen der Zukunft zusammenarbeiten.

Soweit für heute – jetzt geht’s gleich in unsere Stammkneipe Tutti Frutti, wo wir mit zwei Verwandten aus Ostdeutschland noch einmal Essen im Freien genießen. Bald ist es zu kalt und wir müssen ein halbes Jahr, bis Ostern warten, bis wir uns wieder dort treffen können.

Herzlich Ihr
Dieter Emil Baumert

 

In meinen jungen Jahren als Journalist für die ZITTIG ( freie presse agentur hochrhein ) war ich auch oft auf den Gemeinderatssitzungen. Zu Zeiten der Gemeinderäte Christel SPD, Gemeinderätin Heyn, (SPD), Gemeinderat Burde ( SPD), den Gemeinderäten Vortisch ( FDP), Jentsch (FDP), der Gemeinderätin Vollmer und dem Gemeinderat Weil.

Die Frauen der verschiedenen Fraktionen arbeiteten im Sozialbereich immer gut zusammen und unterstützten auch das zu planende Frauenhaus. Dr. Wolf Burde ( praktischer Arzt in Stetten) war ARGUS-Vorsitzender und setzte sich für die Elektrisierung der Hochrheinstrecke ein, die jetzt endlich das Licht der Welt erblickt, vierzig Jahre nach seinem Engagement. Die FDP bot unseren Grünen-Gemeinderäten und Gemeinderätinnen einen Platz in ihrer Fraktion an und so konnten wir auch die so wichtige Fraktionsarbeit in den Fachausschüssen machen. Dagmar Perinelli war später dann im Technischen Ausschuss, ihr damaliger Ehemann Mario J. glaube ich, später auch.

Dr. Wolf Burde war damals begeistert von uns Jungen, die wir im Kommunikationszentrum aktiv waren. Wir machten auch immer mit bei der allmonatlichen Papiersammlung der Vereine. Er verglich uns mit dem Roten Kreuz ( als es um Bauauflagen der Stadt ging und er und viele andere sorgten dafür, dass wir die Tausende von Mark aus dem Säckel der Stadt bekamen – dies, obwohl die ehemalige Arztpraxis von Dr. Heidenreich, eine Privatwohnung war. Als später dann aber etliche von uns in einer Initiative gegen den Abriss eines alten Hauses in der Teichstraße und eines neben Möbel Becker in eine Gemeinderatsitzung stürmten, erkaltete seine Liebe. Er war empört. Die Besetzung des Gemeinderates erinnerte ihn an die Stürmung des Gemeinderats zu Zeiten der Nazis.

Der Altliberale Vortisch kämpfte seit Jahren schon für die Öffentlichkeit der Gemeinderatssitzungen, die damals nicht normal war. Der Liberale Rechtsanwalt Peter Jentsch unterstützte mein Anliegen auch die Presseinformationen der Stadt Verwaltung zu erhalten. Und später gaben uns die FDP-Fraktion Geld aus ihrer Gemeinderatskasse, damit wir unsere Jugendliche mit Farbe für ihre Renovationsarbeiten kaufen konnten.

Viele Gemeinderäte, unter ihnen auch der jüdische Gemeinderat Roth kamen zur Eröffnung unserer Ausstellung in der Volksbank zur Reichspogromnacht in Lörrach, die der Landkreis unter Landrat Rübsamen großzügig mit roundabout 10.000 Mark unterstützte.

Unsere grünen Gemeinderäte kämpften damals gegen die unseeligen Verkehrsgutachten des Büro Schächtele, die dem privaten Straßenverkehr grünes Licht gab. Die Geschäftswelt war damals vehement gegen die Schließung des Autoparkplatzes Marktplatz. Unvorstellbar heute, wo drei mal die Woche dort einer der schönsten Bauernmärkten der Region veranstaltet wurde.

Den Flohmarkt hatten wir am Hebelplatz als Privatinitiative durchgeführt, den dann bald die Stadt übernahm. Rechtsdirektor Jessel wies mich in einem Schreiben darauf hin, dass es sich bei dem Flohmarkt nicht um meinen Markt handle, sondern die Stadt der Veranstalter sei. Am Anfang waren die Standplätze ja noch gratis.

So blätschert das Wasser die Wiese runter, am Bayeler-Museum vorbei, wo ich entweder mit dem Fahrrad kam oder mit der Tram, bis in den Rhein….. und die Welt dreht sich weiter und wir streiten um die richtigen Wege ins Glück und wenn es gut läuft, schlagen wir uns dabei nicht die Köpfe ein, auch wenn wir gerne unseren Gegenüber gerne die Köpfe waschen.

Bei den Wellen heute im Meer sieht es so aus, als wäre für dieses Jahr unsere Badesaison fertisch.

 

Betreff: dont look back – Bob Dylan

Fragen eines lesenden Arbeiters , nach Bert Brecht

Warum wurde in den Siebzigern die Tram eingestellt?

Waren es „ die Basler“ oder „ die Lörracher“?

Warum wurden die Tramschwellen später rausgerissen?

Warum hatte der Gemeinderat damals die Bürgerinitiative für die Tram, die einige Tausende Unterschriften für ein Bürgerbegehren nicht unterstützt?

Warum haben die Parteien das Thema in den Achtzigern nicht aufgenommen?

War vielleicht der Ausbau der Wiesentalbahn das größere, wichtigere Projekt für die Menschen in Lörrach und im Wiesental?

Warum war für die Lörracher das Alternativmodell von Joe Kaltenbach von den Grünen für eine Gartenschau in der Stadt ( Autos unter die Erde, oben Natur) so gar keine große Diskussion wert?

Und so weiter

Wir sind alle immer auch Kinder unserer Zeit. Auf Google finden Sie ein Filmchen über die Lörracher Tram. Es ist richtig putzig anzusehen, so klein sind die Triebwägen. Es erinnert mich an die Tante Schuki, das putzige Restaurant im Tramwagen in der Schweiz. Heute muss immer alles schneller, größer sein. Der deutschen Automobilindustrieb gelingt es immer größere Autos zu bauen. Auch deswegen, weil die Menschen sie wollen. Als VW den Lupo auf den Markt brachte, wurde er von den deutschen Autofahrerinnen nicht angenommen. Die Umsätze der SUVs schießt in die Höhe.

Aber auch ansonsten sind wir ab und an doch ein wenig beschränkt. Die Frau des damaligen Oberbürgermeisters Egon Hugenschmidt wurde von den Lörrachern schief angeschaut, weil sie es wagte in Riehen im Migros einzukaufen. „Man“ könnte auch eine Straßenbahn im Format der Tanti Schuki einführen, der es reicht auf der Straße eine Spur zu haben. Baslerstrasse gen Norden, beim Café Pape einbiegen und nach dem Kulturzentrum Burghof wieder links Richtung Basel. Nur eine Schiene, keine eigene Spur.

Soweit einige Gedanken.
Ihnen ein Gruß