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DEB by Dagmar Perinelli

Autorenporträt
Ingeborg Drewitz (1923 – 1986), eine der engagiertesten Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit, studierte in Berlin Literaturgeschichte und Philosophie. Sie war Mitbegründerin des „Verbandes deutscher Schriftsteller“ und der „Neuen Gesellschaft für Literatur“ sowie Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland. Ihre Werke wurden mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet.

Autorenporträt
Gisela Elsner wurde am 2. Mai 1937 in Nürnberg geboren. In der Gruppe 47 seit 1962, im PEN seit 1971. Sie lebte in London, Paris, Hamburg und nahm sich am 13. Mai 1992 in München das Leben.

Gisela Elsner

Die Geschichte von Lauscher, der falschen Freunden folgt, Unschuldige aus Ungeduld und Gedankenlosigkeit verwundet, Frauen liebt, die sich in Wolf und Falke verwandeln, jedoch von einer erlöst wird, deren Augen wie sein magischer Stein schimmern, gehört nicht in die Kategorie der Phantastischen Romane mit ihren Helden, die unverändert von Abenteuer zu Abenteuer fortschreiten. Dies ist ein Entwicklungs-, ein Bildungsroman. Lauscher sucht und lernt und zweifelt, muss das Warten lernen und die wahre Liebe, und vor allem: dass ein Mensch niemals ein Ziel erreicht, ohne nicht im gleichen Augenblick zu begreifen: „…und das ist noch nicht alles!“

Autorenporträt
Hans Bemmann, geboren 1922, der schon mit „Stein und Flöte“ und „Massimo Battisti“ Bestseller der phantastischen Literatur geschaffen hat, hat mit diesem poetischen und spannenden Werk wiederum einen Welterfolg gelandet.

Hans Bemmann

Hans Bemmann begreift Kunst als ein wichtiges und ernstes Spiel, das dem Menschen hilft, sich selbst und die Welt besser zu verstehen.

Autorenporträt
Alexander Kluge, geboren 1932, las erstmals 1962 in der Gruppe 47. Er ist Autor und Regisseur von bislang 23 Filmen und zahllosen TV-Sendungen, doch "mein Hauptwerk sind meine Bücher". Für sein literarisches Werk wurde er u. a. mit dem Kleist-, Lessing-, Böll-, Ricarda-Huch-und dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet.

Alexander Kluge

Autorenporträt
Christoph Meckel wurde 1935 in Berlin geboren. Nach zahlreichen Reisen durch Deutschland, Europa, Afrika und Amerika studierte er Grafik an der Kunstakademie in Freiburg und München. Er veröffentlichte verschiedene Radierzyklen sowie zahlreiche Prosa- und Gedichtbücher. Heute ist er Mitglied des PEN Zentrums in Deutschland und der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Sein Werk wurde unter anderem mit dem Rainer-Maria- Rilke-Preis für Lyrik und dem Georg-Trakl-Preis ausgezeichnet.

Tod und Sterben des R.E.

1. Artikel

(zur Zeit wegen Rechtfragen nicht publiziert)

2. Anfrage wegen eines Rechtsgutachten von RA Götz von Olenhusen

(Wird eingefügt)

3. ZITTIG-Anfrage vom 15. Dezember 1983 an Autoren des deutschen PEN.

wegen des Artikels „tod und sterben des rudolf eberle“ wurde dieser tage die alternativ-zeitschrift zittig beschlagnahmt. wir würden gerne ihre meinung zu diesem literarischen artikel hören. handelt es sich bei dem artikel um eine verunglimpfung, ist die sprach fäkaliensprache oder handelt es sich bei dem „pamphlet“ gar nicht um litertur? oder darf literatur nicht die hohen herren, ihr leben zum thema haben? und wenn ja, dann auf diese art? und ist ein schreiber, der so etwas schreibt, ein psychopath?

4. PEN-Autoren antworten:

Ingeborg Drewitz, Berlin

Der Artikel „Tod und Sterben des Rudolf Eberle“ ist mit der verdeckten Häme geschrieben, mit der in vielen Journalen der Bundesrepublik mit politisch Andersdenkenden umgegangen wird. Der beanstandete Abschnitt ist beinahe überflüssig und als Darstellung einer Verklemmung publizistische unpräzis. Geht man aber davon aus, dass es sich um einen literarischen Text handelt, so ist die „Fäkaliensprache“ nicht zu beanstanden, da literarische Texte die Schonung der Intimsphäre nicht kennen.

Die Entscheidung über einen Text, der auf der Grenze zwischen journalistischer Arbeit (Report) und literarischer Arbeit (Pamphlet) angesiedelt ist, wird nicht ganz einfach sein, nicht wie „die Geschmäcker verschieden sind“, sondern wie das Ergebnis der Textanalysen nicht eindeutig sein kann.

Prof. Hoimar von Ditfurth

Bitte haben Sie Verständnis für diese unpersönliche Form meiner Antwort.

Bitte berücksichtigen Sie, daß ich über keinerlei bürokratischen „Apparat“ verfüge, der mir bei der Erledigung meiner Post helfen könnte.

1. Nein, der Schreiber ist kein Psychopath, aber anscheinend sehr überheblich („pharisäisch“) und unreif.

2. Diese Sprache ist meines Erachtens Fäkaliensprache

Alexander Kluge, München

Sie stellen sechs Fragen. Ich versuche sie zu beantworten.

1. Was auf dem Gebiet des Journalismus als Verunglimpfung gilt, juristisch gesehen, kann ich nicht beurteilen. Ich kenne die entsprechenden Kriterien nicht.

2. Dieselbe Antwort muss ich auf diese Rubrik geben.

3. Schon au den ersten Fragesatz apostrophiert, habe ich den „Artikel“ als literarische Prosa, als spekulative Satire gelesen, die ihren eigenen Stil, ihre eigene Sprache hat. Bei dem „Pamphlet“ handelt es sich in meinen Augen um Literatur.

4. Meiner Auffassung nach darf Literatur sich die „hohen Herren“ und ihr Leben zum Thema wählen. Für gewöhnlich tauft Literatur jedoch die „hohen Herren“ um, damit sie Prozessen wegen Verunglimpfung entgeht.

5. Auch auf diese art, doch aus den unter 4. genannten Gründen unter anderen Namen.

6. Kein Schreiber, der bewusst schreibt, ist in meinen Augen ein Psychopath, es sei denn, er schreibt „bewusst“ im Zustand der Psychose oder verwendet diese als Motor der Inspiration.

Friedrich Christian Delius, Berlin

Die Beschlagnahme Ihres Artikels ist gewiss lästig für Sie, aber, aus der Entfernung betrachtet, durch und durch lächerlich. Erstens ist Ihr Artikel ganz von literarischer Art – und wäre es auch, wenn er in sogenannter Fäkaliensprache geschrieben wäre. (Denn nicht die Art der Sprache gibt ein Kriterium für Literatur, sondern Stil, Technik, Thema).

Ein zweiter Witz liegt darin, dass Sie sich mit keinem Wort der sogenannten Fäkaliensprache bedienen. Ich weiß nicht, was man in Lörrach unter Fäkaliensprache versteht, im übrigen Bundesgebiet jedenfalls fällt nicht einmal das umgangsprachliche „Schwanz“ darunter.

Drittens ist es natürlich nicht verboten, über Tod und Leben bekannter Personen des öffentlichen Lebens zu schreiben – der Herr Staatsanwalt sollte sich lieber einmal in höchstrichterlichen Urteilen sachkundig machen (z.B: Urteil des Bundesgerichtshofes zu meiner „Moritat auf Helmut Hortens Angst und Ende“) statt in Ihren Artikeln Dummheiten hineinzuinterpretieren.

Und wenn es etwas in Lörrach ein „Pamphlet“ und „psychopatisch“ ist, dann der Artikel aus dem Oberbadischen Volksblatt.

Einen Fehler allerdings hätten aufmerksame Leser Ihnen ankreiden sollen: Ein Minister fährt stets erste Klasse. Ich halte deshalb die geschilderten Begegnungen für ganz und gar unwahrscheinlich. Oder haben Sie andere Informationen. Bitte halten Sie mich auf dem laufenden.

Dr. Helmut Salzinger, Odisheim

Nach meinem Dafürhalten ist die Beschlagnahme des Artikels „Tod und Sterben des Rudolf Eberle“ eine völlig unangemessene Reaktion der Behörden, die meines Erachtens auch im Widerspruch zum Grundgesetz bzw. dem entsprechenden Artikel über die Freiheit der Kunst steht, weil Ihre Arbeit sich durchaus innerhalb der dort gezogenen Grenzen bewegt.

Der Tatbestand der Verunglimpfung eines Verstorbenen ist schon deswegen nicht gegeben, weil in Ihrer Arbeit der Verstorbene Rudolf Eberle nicht verunglimpft, sondern als ein ganz normaler Mensch dargestellt wird, der es aufgrund seines persönlichen Lebenshintergrundes zu einer führenden gesellschaftlichen Position gebracht hat. Die beiden inkriminierten Stellen betreffen Sachverhalte, die inzwischen psychoanalytische Selbstverständlichkeiten geworden sind.

Der Artikel ist keineswegs in Fäkaliensprache abgehalten. Das geht allein daraus hervor, dass von Fäkalien weder direkt noch indirekt die Rede ist. Das Wort „Schwanz“ ist in diesem Zusammenhang erstens normaler Umgangston, zweitens literarische fast das einzige mögliche Wort (selbst ein Minister wird, wenn er gedanklich in natürlicher Funktion mit seinem ??? befasst ist, ihn kaum mit Begriffen „Penis“, „Fortpflanzungsorgan“ oder dergleichen Hochsprachlichem bezeichnen, sondern zu solchen Wörtern greifen, die die Umgangssprache des Volkes dafür bereithält; das Problem ergibt sich daraus, dass die deutsche Hochsprache für derlei Dinge und Vorgänge keine Wörter kennt, es sei denn wissenschaftliche – die aber im Zusammenhang dieses Textes künstlerisch unmöglich wären – was damit zusammenhängt, dass die betreffenden Organe und Vorgänge dort, wo dafür die Wörter fehlen, selber tabuisiert sind. Beides hängt zusammen). Wäre die Absicht gewesen, mittels einer Fäkaliensprache das Andenken des Verstorbenen zu verunglimpfen, dann hätten in dem Artikel ganz andere, nämlich sehr viel drastischere Wörter gestanden und außerdem sehr viel mehr davon. Das müsste selbst einem Richter einleuchten, dessen normale Ausdrucksweise unter seinesgleichen solche Wörter ermangelt, der sich aber doch gewiss auch in seinem passiven Wortschatz hat.

Ähnlich verhält es sich mit der anderen Stelle, in der ein Impuls zu unangemessenen aggressivem Verhalten angesprochen wird. Dass es solche Impulse gibt, ist ebenso selbstverständlich wie die andere Tatsache, dass ihnen gelegentlich nachgegeben wird, auch in den besseren gesellschaftlichen Kreisen. Und auch diese müsste einem Richter klar sein.

Ob Pamphlete Literatur sind, lässt sich nur von Fall zu Fall entscheiden (ich verstehe „Literatur“ jetzt im Sinne von Wortkunst“. Jedenfalls sind sie nicht von vornherein keine. Ihr Text ist kein Pamphlet, also keine Schmähschrift. Eher das Gegenteil, nämlich der Versuch, einer Person, die man politisch und gesellschaftlich bekämpft, als Mensch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Ich halte Sie nicht für einen Psychopathen, sondern höchsten für etwas naiv, wenn Sie sich wirklich über die öffentliche Reaktion auf Ihre Arbeit wundern. Was denken Sie denn, wo Sie leben?

Fazit: Das öffentliche Vorgehen gegen Ihren Artikel ist eine öffentliche Albernheit.

Christoph Meckel, Berlin

Es ist schade, dass ein gut mögliche, jedenfalls berechtigte Polemik auf so wenig intelligente Weise vertan wurde. Es fehlten analytische Schärfe, Sachlichkeit und Argumente, Souveränität und Stil.

Anstelle dessen eine launig emotionale, falsch aufheizende Sprache, die der Zensur alle Argumente zuspielt. Ein publizistischer Fehlschlag.

Eine Zeitung zu beschlagnahmen und zu zensieren erscheint mit trotzdem als falsch (der Staat kann nur immer dasselbe: Beschlagnahmen, Zensieren usw.) Die Zeitung hat ihren Sinn, ihren Stellenwert. Man wünscht sich klügere Arbeit der Redaktion.

Gisela Elsner, München

Die Anschuldigungen und Begründungen des Richters, die zur Beschlagnahme Ihrer Zeitschrift führten, sind im höchsten Grade abwegig. Wer auch nur am Rande mitverfolgt, welche Perversitäten die Pornobranche, welche Zotenhalden die Pornoexperten unbehelligt auf den Markt werfen, der kann in der literarischen Erzählung, die offenbar das Feingefühl der Pornoliebhaber nicht verletzen soll, die längst sogar die Schilderung von Sodomie nicht mehr animieren kann, von der Fäkalsprache, die dem Autor angelastet wird nicht einmal einen vagen Ansatzpunkt entdecken.

Dass auch einen Minister der Harndrang dazu veranlasst, ein Pissoir aufzusuchen, dürfte auch dem Staatsanwalt und dem Richter keine Neuheit sein. Die knappe Schilderung des Urinierens des Ministers ins kein Produkt der schmutzigen Phantasie des Autors. Der Autor trägt lediglich den naturgegebenen Umständen Rechnung. Hätte der Autor einen Installateur oder einen Dachdecker im Pissoir sein Wasser abschlagen lassen, wäre diese wohl nicht beanstandet worden. Wer indes einen Minister im Pissoir darstellt, statt ihn beim Amtsantritt, bei einer Schiffstaufe oder bei einem Heimatvertriebenentreffen zeigt, wer kein Wort verliert über die Last der Verantwortung, die so ein Minister zu tragen hat, der verrät eine Gesinnung, zu deren Bekämpfung jeder CDU-Regierung seit dem Bestehen dieser Republik jedes Mittel recht ist.

Man wirft dem Autor Fäkalsprache vor, weil man ihm nicht zur Last legen kann, dass er genau den Minister dargestellt hat, dessen die sogenannte freie Markwirtschaft bedarf: Was den Minister für sein Amt qualifiziert, das sind seine Skrupellosigkeit, seine Käuflichkeit und seine Menschenverachtung. Eben diesen Eigenschaften hat er das Ministeramt zu verdanken. Dank seiner Käuflichkeit darf er der Sachwalter der Interesse der Herrschenden sein. Seine Käuflichkeit macht ihn vertrauenswürdig. Er wird zurücktreten, wenn die Summe für seinen Rücktritt angemessen ist, er wird kandidieren, wenn der Inhalt des Kuverts stimmt, das er von Flick, Horten und anderen Mächtigen erhält.

Man wirft dem Autor Fäkalsprache vor und ahnde in Wirklichkeit, dass er das Wesen und den Mechanismus dieser Demokratie erkannt hat und das nicht einmal für sich behält. Der Minister, der den Autor darstellt, ist kein Auswuchs, er ist der Normalfall, der Minister von der Stange. Er ist völlig austauschbar. Er könnte ebenso Lambsdorf wie Barzel oder andere Volksvertreter sein, von denen man momentan noch nicht weiß, welche Summen sie welchen Firmen wert gewesen sind. Nach der Flickaffäre kann man die Schilderung, die indirekt und mit einer schönen Nüchternheit den Parlamentarismus als die Farce entlarvt, die er ist, nicht mir als Verunglimpfung vom Tisch wischen. Sie ist eine knappe Wiederspiegelung der Realität und aus diesem Grunde für mich auch in literarischer Hinsicht wichtiger als jene Metaphernhalden, für die Preise verliehen zu werden pflegen.

Ich habe den Eindruck, dass die Beschlagnahme dieser Zeitschrift, die überhaupt keine breiteren Leserschichten zu erreichen vermag, nichts als ein Test ist, der dazu dient, den Behörden anhand der Reaktionen auf diese Zensurmaßnahme gewisse Richtlinien zu liefern, wie sie ihr zukünftiges Vorgehen gestalten sollen.

Der Verfasser der Erzählung ist gewiss kein Psychopath. Eher meine ich bei dem Staatsanwalt und dem Richter Anzeichen für eine Pissoirpsychose zu entdecken. Mit dem geschilderten Minister haben sie gemein, dass auch sie der Sippe der Amts- und Würdenträger zugehören und jedes Mal, wenn sie der Harndrang in die Toiletten treibt, von der Zwangsvorstellung verfolgt werden, auch sie würden eines Tages von irgendeinem Autor als pissende geschildert.

Otto Bieneck, Ottobrunn bei München

Ich finde den Text ganz gut geschrieben: durchaus literarisch. Aber da gibt es doch diesen Paragraphen mit der „Verunglimpfung Verstorbener“ etc. Und der dritte Absatz trifft da schon. Das geht für eine Romanfigur. Aber nicht für Adenauer, Brandt oder Lothar Späth. Oder eben: R.E. Warum nicht schreiben: „Tod und Sterben eines Ministers.“?

Die Reflexion im dritten Absatz kann jeden angehen. Mit der deutlichen Nennung des Namens sieht es so aus, als ob der Verfasser den Skandal wollte….

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