Ein besetzter Zug nach Brokdorf

Von Dieter E. Baumert

Erstveröffentlichung in ZITTIG März 1980, Sechster Jahrgang. ZITTIG die freieste zeitung der region
Liiert mit der LOERRACHER STADTZEITUNG und dem HOCHRHEIN FORUM

Stolz verabschiedeten sich am Sonntagmorgen gegen 100 badische Atomkraftgegner voneinander. „Eigentlich sind wir von allen die Mutigsten“, sagen manche schmunzelnd. Und Mut und eine gehörige Portion Frechheit gehörten wohl zu jener Zugbesetzungsaktion, die in der Geschichte der BRD einmalig sein dürfte. Was war geschehen?

Zur – urprünglich nicht verbotenen – Demonstration der AKW-Gegner nach Brokdorf sollten von allen Teilen der BRD Sonderzüge fahren. So mietete auch der BBU (Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz) ab Freiburg einen Sonderzug. Mit ihm sollten gegen 1.000 AKW-Gegner nach Brokdorf fahren. Aber die Deutsche Bundesbahn als Bahn-Monopolist machte den Demonstranten einen Strich durch die Rechnung. Zuerst überliess sie es ihren Landesdirektionen, ob diese Sonderzüge zur Verfügung stellen, dann, auf Intervention von Bundesinnenminister Gerhard Baum (FDP), sagte sie alle ab.

Eine einstweilige Verfügung, die der BBU gegen die Bundesbahn erreichen wollte, um den vertraglich zugesicherten Sonderzug doch noch zu bekommen, wurde abgewiesen. Alle AKW-Gegner in der BRD ließen sich von der Absage der Bundesbahn und der Auseinandersetzungen um Verbot oder Nicht-Verbot davon abhalten, mit der Bahn zu fahren. Busse wurden noch kurzfristig gemietet, Mitfahrzentralen eingerichtet. Aber die Verwirrung war groß. Nicht so in Südbaden. Dort hatten verschiedene Bürgerinitiativen eine Woche vor der geplanten Demonstration in Brokdorf begonnen, die Sonderzugkarten zu verkaufen. „Wir fahren auf jeden Fall“, war die Parole. Und so wurde verhindert, daß die, die zur Demo wollten, verunsichert wurden. Niemand brauchte für die weite Strecke seinen Pkw herrichten, der dann eventuell doch schon an der nächsten Polizeisperre an der Autobahn gestoppt würde.

Als am Mittwoch feststand, daß die Bundesbahn keinen Sonderzug zur Verfügung stellen wollte, beschlossen die Bürgerinitiativen einen Akt des „zivilen Ungehorsams“. „Wenn die Bundesbahn glaubt, sie könnte mit uns gemachte Verträge einfach brechen, dann täuscht sie sich“, war die Meinung vieler. „Die Bundesbahn hat schließlich eine Beförderungspflicht. Wir fahren trotzdem!“

Freitagabend, 29.30 Uhr, Basel Badischer Bahnhof. Die ersten 20 AKW-Gegner steigen in den fast leeren D-Zug Basel-Hamburg ein. Der Zug fährt verspätet ab. Die Direktion der DSG ( Deutsche Speise- und Liegewagengesellschaft) hat angeordnet, daß der Schlafwagen abgehängt werden soll. Die Bahnarbeiter fluchen. Hat die DSG „Angst vor den Chaoten?“ Im Bahnhof einige Zivile, die das Geschehen beobachten. „Die wissen also von unserer Aktion“.

Gleich nach der Abfahrt kommt der Schaffner und ein Revisor der Bundesbahn. Freundlich knipsen sie die Fahrkarten für die Strecke Basel-Freiburg. Ein schweigender Bundesgrenzschutzbeamter beobachtet das Ganze. In Müllheim steigen weitere Umweltschützer ein. Auf dem Bahnsteig stehen ein paar Bahnhofspolizisten mit Schäferhunden. Sofort kommt wieder der Schaffner und der Revisor. Aber auch die Müllheimer haben gültige Fahrkarten von Müllheim nach Freiburg. Der Revisor kontrolliert nur die Karten der AKW-Gegner.

Dann Bahnhof Freiburg. Jetzt werden wir sehen, ob die Aktion gelingt, ob genügend Freiburger bei der Aktion mitmachen. Um 18 Uhr war in der Innenstadt eine Demonstration. „Hurra, der Bahnhof ist voll, jetzt geht alles klar“ rufen viele. Aber als die Türen geöffnet werden, bleiben fast alle draußen, nur wenige kommen in den Zug. „Kommt doch, wieso kommt ihr denn nicht?“ „Wir sind nur da, um Euch zu begrüßen, wir fahren mit dem Bus.“ Die Enttäuschung im Zug ist riesig. Draußen auf dem Bahnsteig ruft die Menge: „Auch wenn die Bundesbahn sich wehrt, der Sonderzug, der fährt“. Im Zug: „Die haben gut reden, fahren selber mit dem Bus.“

Jetzt kontrolliert der Schaffner und die Revisor auf´s neue – denn ab Freiburg gelten die Karten für den Sonderzug. Oder gelten sie nicht? Der Schaffner und der Revisor jedenfalls knipsen und stempeln freundlich alle Sonderzugfahrkarten ab. Alle sind erleichtert. Dann in Offenburg auf dem Bahnsteig, Bahnpolizisten mit ihren Schäferhunden. Keiner steigt mehr dazu. Der Revisor verläßt augenzwinkernd den Zug. Seine Aufgabe ist für heute beeendet. Alle haben Fahrkarten.

Jeder fragt sich gespannt: Wie gehts weiter? Die Spannung steigt von Bahnhof zu Bahnhof. Keiner steigt mehr ein, weder in Karlsruhe (Sitz der BBU-Geschäftsstelle), noch in Frankfurt. Die Beamten auf den Bahnsteigen sind nervös. Die Herren von oben können sich wohl nicht einigen. Die Zivilen sagen immer wieder „Ihr müsst nachlösen oder raus!“ Aber die rebellischen Badener bleiben stur. „Der Revisor hat uns doch die Karten abgestempelt. Also sind die Karten doch gültig!“ Dieses Argument zieht wohl auch bei den Oberen. Die Zivilen setzen sich für die AKW-Gegner ein. Gespräche in der Bahnsteigkabine.

Dann in Mannheim plötzlich: die Spannung ist vorbei – „Ihr könnt weiterfahren“. Die Demonstranten im Zug sind genauso erleichtert wie die Bahnpolizei. Endlich können sie nach Hause gehen. Der Zivile strahlt: „Wir hatten gleich gesagt, die Karten sind gültig, aber der Zugführer und der Revisor waren anderer Meinung. Und durch das Abstempeln sind sie anerkannt worden. Ihr habt jetzt freie Fahrt bis Hamburg. Genau!“

Und wirklich! Keine Kontrolle mehr, nichts! Und nach der Demonstration in Brokdorf werden die Fahrkarten der badischen AKW-Gegner wie ganz normale Rückfahrkarten akzeptiert.

Die Badener sind stolz auf ihr Husarenstück und danken auch den freundlichen Herren der Deutschen Bundesbahn für ihre freundliche Unterstützung. Und von ihren Freunden und ihren Freundinnen in der AKW-Bewegung wünschen sich die Badener, daß beim nächsten Mal alle ihrem Beispiel massenhaft folgen.

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Leserbrief in ZITTIG 37, April 1981
alma Beilage für Alexander, Masson und den Rest der Welt!
Briefe,um die es schade ist

lieber dieter baumert !

da muss ich dir schon deshalb gleich schreiben, weil ich deinen aufsatz zu brokdorf gelesen habe. Denn meine tochter ist mit zwei klassenfreundinnen (abiturklasse) durch mitfahrgelenheit nach hamburg gefahren und sie sind nächsten tages insgesammt 30 km zu fuß gegangen. durch diese entsetzliche kälte, durch den psychischen druck, der durch die hubschrauber über ihren köpfen und die unzähligen polizisten ausgelöst worden ist. sie sind bis vor den zaun gekommen. Sie kam über die brücke, auf der diese container standen, und als ich vorhin von deinem zug erzählte, wusste sie gleich bescheid. Sie wußte von den freiburgern.

herzliche grüsse und alles gute
elisabeth alexander

sei gegrüßt, dieter e.,

dieser brief hat neben obigem gruß nur noch eine einzige weitere funktion: wenn auch er in der „ZITTIG“ vollständig abgedruckt wiederzufinden sein wird, wie seine vorgänger, dann wird für mich die funktion der ersten zittig-seiten endlich völlig erschlossen sein. Du druckst also deine geschäftspost und korrespondenz mit hinein“ schlau, dies ist in der tat ein nicht nur neues, sondern darüberhinaus recht originelles vorhaben.

ich darf mit dem anfeuernden aufruf: didi, weiter so“ für diesmal schließen und dir aufmuntern versichern: es wird nicht der letzte brief gewesen sein.

also, nochmal ein schmetternder grusßkuß
michael masson
(korrespondent)

ZITTIG wichtigsen aus dem dreieckland Nr. 37, APRIL 1981