Ottos Mops

Von Dieter Emil Baumert, Februar 2024

Nun haben wir noch einen Star aus Säckingen. Go West, wie es einst auf einer großen Zigarettenwerbung auf einer Werbetafel hieß. Damals, als vor den Spielfilmen im Kino noch Zigarettenwerbung kam, die Kneipen voller rauchender Männer waren und die Stars Marlo Brando, James Dean oder Marlene Dietrich ihre Lebenspräsenz mittels einer Zigarette im Mund unterstrichen.

Natürlich wußten wir, daß der Kuss eines Rauchers so erotisch war wie das Polieren unserer schwarzen Reformationsschuhe. Als Damgar Anfang der Achtziger in sich hineinhörte und den Nachklang des Rauches in ihrem Mund spürte sagte sie: „Du Armer, was musst Du an Gestank durch meinen Kuss ertragen“. Ich ertrug es gern. Aber wir waren ja nicht blind und konnten auch noch ziemlich gut riechen. Der Rauch, der in den Gardinen in den Wohnzimmern unserer Eltern hing, war ekelhaft – kalter Zigarettenrauch.

Doch die Gemeinschaft in den Kneipen von uns Jungen im badischen Säckingen war angenehm. Freitags abends trafen wir uns im Fuchs, jenem wunderbaren Lokal in der Innenstadt. Eine wohlschmeckende Gulaschsuppe erfreute unseren Gaumen und ein frischgezapftes Bier half uns. Die sportlichen Jungs kamen aus dem freitäglichen Handballspiel. Bernd Mau, Gerhard Schäuble und Otto Jakob – sie kamen sportlich erneuert. Aber auch wir Sportpfeifen waren dabei. Auch Frauen? Keine Ahnung, keine Erinnerung. So kann ich mich auch nicht an eine Freundin von Otto erinnern. Aber er sagte dieser Tage in einem Beitrag im Südwestfunk, dass er mit ihr seit seinem siebzehnten Jahr zusammen sei, inzwischen ist sie seine Ehefrau.

Im Jugendzentrum in der Rheinbadstraße waren wir aktiv, außer Bernd waren alle im Vorstand des Trägervereins AJS. Und nach einigen Monaten traten wir alle zurück, als Protest gegen die autoritäre Schließung durch die Stadtverwaltung. Das war ein Eingriff in unsere Autonomie und wir ließen das uns nicht gefallen.

Nicht immer war es so harmonisch unter uns Aktiven des Jugendzentrums. Einmal wurde unsere Stereoanlage gestohlen. Otto verdächtigte mich. Man wisse ja, wie prekär meine finanzielle Lage sei. Er gebe mir die Möglichkeit, die Anlage innerhalb eines Tages zurückzubringen. Ich war entsetzt. Wie hätte ich unseren Verein bestehlen können? Dass Otto mir dies zutraute, traf mich tief. Nach Tagen kam der Namen des Diebes raus und Otto entschuldigte sich bei mir. Aber die Verletzung saß tief. Als Lebenshilfe half sie mir doch. Bis auf eine Ausnahme verdächtigte ich später niemand mehr in unserem Buchladen gestohlen zu haben. Buchhandlungen sind beliebte Orte des Diebstahls. Doch einmal verdächtigte ich einen Jungen, dass er ein Buch gestohlen hatte. In seinen Augen sah ich sein tiefes Verletztsein. Dass ich ihn verdächtigen konnte. Und ich sah mich in ihm und war tieftraurig.

Otto lud mich ab und an zu sich ein. Er spielte Geige und spielte mir auf seinem Plattenspieler die neueste von Platte von The Flock vor. Nicht Stephan Grappeli, nicht Yehudi Menuhin, nicht Django Reinhard. Wir waren begeistert.

Otto Jakob hat damals ein paar Mal mit der Säckinger Kultband “Out of Focus” gespielt. Ich wusste es nicht mehr und fragte Ruth Zimmermann, die damals mit Paul Herberg zusammen war. Sie erinnert sich noch an ihn, wie er in das Geschäft kam um Golddraht zu kaufen. Den Schmuck, den er daraus machte, zeigte er mir. Unweit von uns spielte die Ausnahmegeigerin Anne-Sophie Mutter im Wehrastädtchen Wehr im elterlichen Wohnzimmer und eroberte später die Welt. Mit dem Geigenkasten meines Bruders ging ich zur Berufschule. Im Kasten meine Schulsachen, auf dem Kasten politische Botschaften gegen den Krieg der USA gegen Vietnam.

Auf seiner Webseite hatte Otto vor Jahren geschrieben, dass er in seiner Jugend Hippie war. Konnte man das sein, Anfang der Siebziger in Säckigen – ein Hippie? Ja, vielleicht Kleinstadthippies. Die zwei Jungs, die immer als Duo auftraten, lange Afghanistan-Mäntel trugen, der Gitarrist Mike mit seiner Jimmy Hendrix-Figur, der sich Jahre später den Goldenen Schuss gab. Werner Kiefer, der durch die Stadt lief im langen schwarze Ledermantel aus der Nazizeit der Deutschen. Einst liefen die NS-Größen so rum und Werners Manteltragen war eine gute Erinnerung an die Alten – wisst Ihr noch, erinnert Ihr Euch noch. Den einzigen Nazi, der noch durch die Stadt lief, war so etwas wie ein Nazidarsteller. Er war niemandem peinlich, den Nazi als Spassmacher ertrugen alle, so wie sie auch den ein wenig Blöden ertrugen, der immer Späße machte. Schön, er konnte in der Stadt leben. Dreißig Jahre früher hätten die Nazis ihn abgeholt, wie sie die vielen Behinderten aus der Anstalt in Herten holten und sie in die Todesmaschine von Hadamar in den Tod geschickt hatten.

Waren wir Hippies, die wir uns montags abends in meinem Zimmer trafen und das Buch der Kommune 2 lasen? Einer der klugen, sensiblen Autoren landete dann bei der RAF – zum Glück niemand von uns. Wir landeten eher im Bett der Anderen.

Von Gewalt hatten wir genug. Thomas Vater nahm sich das Leben auf den Schienen nahe Karlsruhe. Und BILD machte daraus einen Aufmacher. Der Volksbankchef kam am Morgen zu seiner Mitarbeiterin Ursula Gabele, die mit Thomas befreundet war, und knallte ihr die Bild-„Zeitung“ auf den Schreibtisch.

Von Gewalt hatten auch das junge Paar aus dem Hotzenwald genug. Im Jugendzentrum genossen sie die Freiheit und machten in stillen Stunden auch Liebe. Sie waren in Marokko gewesen, das schöne Land zu erleben, die Sonne genießen und das Meer. Doch am Meer kamen fünf marokkanische Männer zu ihnen und jeder der Gewalttäter vergewaltigte das junge Mädchen. Ihr Freund wurde festgehalten und musste die Vergewaltigung ansehen.

Aber auch Gewalt in der Schule und zu Hause war üblich. So mancher Lehrer, Kantor gab seinen Schülern mit dem Zeigestock Schläge oder Ohrfeigen. Es war üblich, es war normal. Und auch meine Mutter schlug zu, wenn sie mit der Erziehung überfordert war und an meiner Dummheit scheiterte.

Die Gewalt in jener Zeit war immer auch da. Offene Agressionen gegen ausländische Jugendliche gab es bei uns nicht, Gewalt gegen Homosexuelle habe ich nie erlebt, aber in unserem Sprachgebrauch waren es halt „die Hunderfünfundsiebziger“, benannt nach jenem Paragraph, der Homosexualität als Strafbarkeit geisselte. Der ehemalige Ehemann der Frau von Bernd war der Männerforscher Günther Ahmendt. Sein Bruder, der Autor des Aufklärungsbuchs Sexfront trug als Kommunist dazu bei, dass in der DDR das Verbot der Homosexualität abgeschafft wurde – noch vor der BRD.

Für Werner war Otto ein Muttersöhnchen. Ich weiß nicht, was ein Muttersöhnchen ist. Ich liebte meine Mutter und ich liebte meinen Vater. Durch seinen frühen Tod, ich war sechzehn, wurde ich wahrscheinlich eher zum Vatersöhnchen, der das Vermächtnis meines Vaters pflegte. Wer bei Werner in der Familie die Macht hatte, weiss ich nicht. Wahrscheinlich beide Elternteile. Aber ich weiss, dass er litt unter der Vorstellung, dass er das elterliche Modegeschäft übernehmen sollte. Und ich weiss von seiner Schwester Ursula (Uschi), dass sie nichts lieber gemacht hätte, als das gut gehende Modegeschäft zu übernehmen. Doch die Eltern wollten nicht und so kam es wie es kam: Werner zog nach Freiburg und widmete sich der Rockmusik, wurde Produzent von bekannten Künstlern und Freund von etlichen Rockmusikern (so kam einmal der Schlagzeuger von Jimmy Hendrix zu ihm zum Übernachten). Und Uschi landete als Verkäuferin im inzwischen verkauften Modegeschäft.

Otto Jakob ging hinaus in die Welt, versuchte sich in Kunst bei Meister Baselitz und blieb dann bei seiner Goldschmiedekunst. Er hat sie zur Vollendung gebracht und Gold daraus gemacht. Möge es ihm nicht gehen wie König Midas.

Dr. Gerhard Schäuble schrieb mir vor einigen Jahren:

Von Werner Kiefer habe ich das letzte Mal etwas gehört 1974 auf einer gemeinsamen Reise nach Indien. Er fuhr mit seiner Freundin in einem VW-Bulli und ich mit Christel Michel in einem 2-CV-Kastenwagen. In Herat (Afghanistan) machte unser Auto komische Motorengeräusche, so dass wir es stehenließen und mit Werner und Freundin gen Kabul düsten. Nach wenigen Kilometern schaute ich mal nach hinten und sah, dass Flammen hochschossen. Der Keilriemen war gerissen und hatte den Schlauch zur Benzinpumpe abgerissen. Vergeblich versuchte ich mit meinem Minifeuerlöscher das ausfließende Benzin vom Brennen abzuhalten. Einige Afghanis warfen Sraßensand in den Motorraum und erstickten damit das Feuer.

Der Austausch der kaputten Lichtmaschine dauerte in Herat eine Woche und Werner einige aggressive Ausfälle gegen den Kfz-Mechaniker, dann fuhren Werner und seine Freundin weiter Richtung Indien. Christel und ich blieben noch 2-3 Wochen in Herat und fuhren dann langsam zurück gen Heimat, bis im Iran die Kurbelwelle brach und für einen etwas längeren Reparaturaufenthalt in Täbris sorgte. War interessant.

Ich glaube, Werner Kiefer hat später in Heidelberg studiert. Unvergesslich ist für mich sein volumiöser Ledermantel mit zahlreichen Innentaschen, die er mit ausgesuchten Leckereien aus dem Laden von Müller-Degler füllte. Hast Du Kontakt zu ihm?