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DEB by Dagmar Perinelli

Zum 11. September und seinen weltweiten Hintergründen und Auswirkungen gibt es eine Vielzahl von Veröffentlichungen. Hier eine kleine Auswahl:

Bastian, Til – 55 Gründe, mit den USA nicht solidarisch zu sein – und schon gar nicht bedingungslos. Pendo Verlag, Zürich/München 2002

In LETTRE, der europäischen Kulturzeitschrift erschienen wichtige Beiträge – siehe www.lettre.de

Auch Gunter Hofmann hat in Abschiede Anfänge, Kunstmann Verlag, München 2002 die deutsche Befindlichkeit beschrieben.

Kritische Stellungnahmen finden sich auch in Ossietzky und in Konkret (www.gremliza.de).

Im Konkret Literatur Verlag Hamburg ist von Winfried Wolf das Buch Afghanistan, der Krieg und die neue Weltordnung erschienen.

Wenngleich nicht mehr aktuell, so doch geschichtlich interessant, tiefe Einblicke in die afghanische Mentalität:
Michener, James a. Karawanen der Nacht (nur noch antiquarisch über www.zvab.de erhältlich)

Lessing, Doris
Der Wind weht unsere Worte fort
Afghanische Betrachtungen
btb, 2002 (Erstveröffentlichung 1987, London)

Maillart, Ella
Der bittere Weg – Mit Annemarie Schwarzenbach unterwegs nach Afghanistan
Lenos Verlag, Bern, 2002

Zu Al Qaida gibt es etliche informative Bücher – siehe www.buchhandel.de

fuck the war
and also the taliban

Transparent auf dem Marktplatz in Manduria, Apulien, Oktober 2001

© Dieter Emil Baumert. 2002-01-05. VG Wort und VG Bild

Ich war im Naturkostladen in Stetten an jenem frühen Abend des 11. September 2001 und kaufte meine zwei Flaschen Demeter-Milch. Die freundliche blonde Verkäuferin verabschiedete mich mit den Worten "Einen schönen Abend" und fügte nach einer kurzen Pause dazu "sofern man das an einem solchen Tag noch wünschen kann". Ich lächelte freundlich und verliess den Laden mit dem Gedanken, was mag sie wohl damit gemeint haben? Ich hörte noch ihre Worte zu einem anderen Kunden "haben sie schon gehört", dann fiel die Tür ins Schloss und der Schluss des Satzes blieb mir ebenso verborgen wie der Sinn des seltsamen Satzes. Auf der Strasse unterhielten sich zwei junge Mütter, die Kinder in den Kinderwagen schaukelnd, intensiv, sie schienen sich etwas Wichtiges mitzuteilen, etwas, dass über das alltäglich Mitteilenswürdige hinaus ging, doch auch hier sah ich nur die Gesten und verstand die Worte nicht.

Es war ein Dienstag, jener 11. September 2001, es musste ein Dienstag gewesen sein, weil Dienstag war mein Auswärtstag – jahrelang war ich mittags nach Bad Säckingen gefahren, zu meiner Mutter, hatte einige Stunden mit ihr verbracht, ein wenig eingekauft, ein bisschen aufgeräumt, mit ihr Kaffee getrunken, einige Hausangelegenheiten geregelt. Seit Ende Januar, als sie starb, hatte ich die Gewohnheit beibehalten, nicht mehr ganz so regelmässig, aber doch auch noch Dienstagnachmittag, der Hausrat war aufzulösen, das Haus wollten wir bald verkaufen.

Noch war die Wohnung voller Gerüche, Gedanken, Gefühle meiner Mutter und natürlich voller Einrichtungsgegenstände, die sie im Laufe ihres Lebens um sich gesammelt hatte. Doch im Laufe der Monate wurde die Wohnung leerer und meine Besuche seltener, das freundliche "Hallo, schön dass du wieder da bist" fehlte mir ebenso wie die stillen, gemeinsamen Momente beim Kaffee trinken, das freudige Beobachten des Kastanienbaumes in Nachbars Garten, wie er seine Farben wechselt im Laufe der Jahreszeiten.

Abends im Fernsehen dann: die immerwährende Wiederholung der tödlichen Minuten, als die Flugzeuge, erfunden, um den menschlichen Körper in Windeseile an einen anderen Ort zu befördern, nun zum tausendfach-tödlichen Geschoss missbraucht, in die Twin-Towers von New York geflogen wurden. Das war also das fassungslose Geschehen, dass die Frauen in Stetten näher rücken liess, die ganze –Fernsehen sehende- Welt den Atem stocken liess.

Die Welt war entsetzt – New York, die multikulturellste Stadt der Welt, die freiheitlichste Stadt, die die Menschheit je geschaffen hatte, war bis ins Mark getroffen und mit ihr der Freiheitswillen aller. So wie die Feinde der Freiheit vor Jahren das multikulturelle moslemische Sarajewo zerstört hatten, so versuchten Moslems jetzt das freie, allen Kulturen wohlgesonnene New York zu zerstören, und wer ein Herz hatte und wer Verstand, der konnte dem nicht applaudieren.

Nur die jubelnden Palästinenser passten nicht in dieses Bild, da freute sich eine ganze Gruppe und spendete Beifall. Die Verachtung für diese Menschen war ihnen gewiss, und wir wussten, so wie sie würde es viele geben, die den Schlag gegen Amerika beklatschen würden, weil es gegen den Feind ging. Erst viele Wochen später erfuhren wir, dass es sich bei diesen Aufnahmen um Aufnahmen handelte, die nichts mit den Anschlägen zu tun hatten bzw. mit der Reaktion auf diese. Es, so heisst es, sei die Freude über verteilten Kuchen gewesen.

Im fernen Amerika erklärte der Präsident der einzigen Supermacht dieser Welt dem Terrornetzwerk Al Qaida den Krieg und die Medienzensur und die Manipulationen begannen. Die Toten von New York waren nicht mehr zu sehen.

Jeder erzählte, dass ab sofort nichts mehr sei wie zuvor, aber jeder, der sich dazu äusserte, wiederholte seine alten, bekannten Ansichten von vor dem 11. Alles sollte sich geändert haben, aber der Geist der Menschen blieb derselbe. Wer vorher die Bedrohung durch den Islam an die Wand gemalt hatte, sah sich ebenso bestätigt, wie derjenige, der die Bedrohung der Muslims beklagte.

Und so begannen auch fast automatisch abspielende Rituale von Verdächtigungen, Vorwürfe und Bezichtigungen, die keine Wirklichkeit mehr brauchten, um sie vorher zu filtern, zu klären. Ein durch einen institutionellen Staatsstreich an die Macht gekommener Präsident einer Weltmacht konnte gar nichts anderes machen, als sich wie ein Rambo im Weltladen aufspielen und, zugegeben, die ersten Reaktionen von ihm liessen darauf hindeuten, dass es so auch kommen würde – doch es kam nicht so. Der so schwache Präsident hörte auf seine starken, klugen Berater und schmiedete eine Koalition gegen den Terror, mit Kühle und Sachverstand, mit Geduld und Kalkül. Jahrelang zurückgehaltene Mitgliedsbeiträge für die UN wurden ebenso bezahlt, wie die UN in allen wichtigen Fragen hinzugezogen wurden.

Eine gezielte Militäraktion hätte beginnen können, statt dessen begann ein unwürdiger Krieg gegen eines der ärmsten Länder der Welt – Afghanistan – und die kriegsführende Macht, die diesen Krieg alleine, allenfalls noch mit den Engländern durchführte, fragte keinen der Koalitionäre um Rat, sondern bombte, von der Weltgemeinschaft geächtete Streubomben und Nahrungsmittelpakete für die Hungernden. Der kurze, erfolgreiche Krieg scheint der US-Regierung recht zu geben, das menschenverachtende Regime der Taliban ist vernichtet und Chance für einen demokratischen Wiederaufbau des Landes besteht.

Die revolutionären Frauen der Rawa – sie trauen den Worten der neuen Machthaber nicht, sind doch auch jene unter ihnen, die dereinst, z.B. unter der Flagge der Nordallianz die Frauen genau so ächteten, vergewaltigten, unterdrückten wie ihre Gegner vom anderen Mullahlager. Die Weltgemeinschaft wird in einem langen Prozess der Zivilisierung erst zeigen müssen, dass ihr Interesse am Schicksal dieses Volkes keine PR-Aktion der Erdölstaaten ist, keine Showaktion fürs heimatliche Fernsehpublikum – seht her, wir tun etwas gegen die Feinde der Freiheit.

Meine Reaktionen oszillieren zwischen den Polen hin und her:

Hat es ein Kanzler nötig, sich eine eigene Regierungsmehrheit zu erpressen? Wieso verspielt er die Chance, eine grosse Mehrheit der deutschen Parlamentarier hinter den Antiterrorkurs der Regierung zu versammeln, indem er das Thema zum innenpolitischen Gradmesser macht, als hinge seine Macht von der Kanzlermehrheit ab? Wieso lassen sich die militärkritischen Abgeordneten mit der Keule Vertrauensabstimmung ins Bockshorn jagen? Was wäre so schlimm daran, wenn eine qualifizierte Minderheit im Bundestag gegen Militäraktionen, egal wo, wäre, also für ein ziviles Deutschland ohne Militäreinsätze? Was würde uns das in der Welt schaden – eine starke pazifistische Minderheitskoalition quer durch alle Parteien?

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