DEB by Dagmar Perinelli

Reise nach Bad Säckingen

Von Dieter Emil Baumert

© 2012 Dieter Emil Baumert und VG WORT und VG BILD-KUNST

Nun ward endlich ein Käufer gefunden, und der machte der Maklerin ordentlich Druck: Schon in der Woche nach der August-Mitte wollte der junge Familienvater sich und seine Frau zu den Eigentümern des Grundstücks an der Königsbergerstrasse machen.

Ein Notartermin war schnell gefunden, es war schließlich Ferienzeit, und so mussten sich zum sechzehnten August des Jahres 2011 nach Christi Geburt die Schaffels aus dem Norden und die Schaffels aus dem Süden mit der bauwilligen Familie, zusammen mit der engagierten Maklerin Bettina Lachred, in Bad Säckingen beim beliebten Notar Fritz Harpbrecht treffen.
Roberto, der ältere der beiden Brüder reiste mit dem Flugzeug an. Für ihn galt es, einen genauen Zeitplan einzuhalten, da sein Leben sich inzwischen zwischen den drei wöchentlichen Dialyseterminen abspielte. So kam er nach dem Dialysetag im mecklenburgischen Ludwiglust mittels einer Bahnreise nach Hamburg, seiner langjährigen Wirkungsstatt als Architekt, Weinhändler, Verkäufer provenzalischer Köstlichkeiten und Betreiber verschiedener Bistros. Die Lebensgefährtin Christine holte ihn am Bahnhof ab, und zusammen verbrachten sie einige glückliche Stunden in der Hamburger Stadtwohnung. Dann war es Zeit für den Flug nach Basel. Ein schöner warmer Augusttag erfreute ihn, und mit Umstieg im schönen Basel kam er seiner Geburtsstadt Bad Säckingen näher und näher.

Vom südlichen Teil Europas bewegte sich derweil sein Bruder Emilio der Hochrheinmetropole entgegen. Am heiligsten Tag Italiens, Ferragosto, an dem die heilige Maria geehrt wird, gab es einen Flug von Brindisi nach Mailand. Erstaunt nahm Emilio zur Kenntnis, dass das Flugzeug voll besetzt war und dass es flog. Noch vor wenigen Jahren wäre es unmöglich gewesen, an Ferragosto auch nur in ein Flugzeug – egal wohin – zu steigen.
Auch Mailand zeigte sein schönes, frohes Sommergesicht, eine alte Straßenbahn ratterte vorbei, und im neu umgebauten Hauptbahnhof gab es viele Menschen, die aus der Stadt heraus wollten. Emilio war mit Rosa vor vielen Jahren hier gewesen. Sie waren auf dem Weg nach Budapest. Von dort sollte es mit der transsibirischen Eisenbahn nach China gehen. Doch trotz gültiger Fahrausweise der ungarischen Staatsbahn gab es die benötigten Visa nicht, und so blieb es bei einer Reise nach Ungarn.

In der Station Termini in Milano hatten sie zwischen den Zügen im großen Deck zwischen Eingang und Bahnsteigen, der Wartehalle, übernachtet, Diebe beobachtet, wie sie sich an Schläfer heranmachten, wie sie Reisende seit Jahren schon in den Flughäfen der Welt kennen.

Der Zug bis zur Schweizer Grenze war voll besetzt mit Tagesausflügler in die Schweiz. Auf der anderen Seite des Zuggangs saßen eine ältere Frau und ein etwas zehnjähriges Kind. Sie sprachen deutsch miteinander. Emilio genoss die klare, deutliche Aussprache der Frau. Ein herzlicher Grundton mit klaren Worten, schön gebildeten Sätzen. Das Kind wies aus dem Fenster auf eine Stelle am See:
„Schau, dort ist meine Schule.“

Emilio hätte noch gerne diese Grundmelodie genossen, doch es galt umzusteigen in einen Schweizer Zug. Der war sauber und neu. Welch
Unterschied zu dem italienischen Zug. Der Zug lichtete sich, nur vereinzelt saßen jetzt noch Personen in den Wagons. Ihm schräg gegenüber auf der anderen Seite des Gangs setzte sich eine junge Frau. Vielleicht zwanzig, fünfundzwanzig. Sie hörte mit ihrem Telefon Musik. Ab und an photographierte sie die Landschaft aus ihrem Fenster. Mit einem jungen schwarzen Minibarverkäufer flirtete sie, kaufe Kaffee und ein süßes Stückchen, eingepackt in Cellofanfolie, erzählte ihm, dass sie auch heute arbeiten müsse, vorhin sei sie in Winterthur gewesen und heute Nacht in Basel.
Die Art der Arbeit blieb unerwähnt, doch die laszive Gestaltung ihres Äußeren legte Emilio den Schluss nahe, dass sie in einem Escortservice tätig sei. Doch es war reine Assoziation aus der Situation heraus, sie konnte genauso gut eine Barmaid für eine der Discos oder Ravepartys sein oder auch eine DJ. Er versuchte, nicht zu interessiert zu schauen, er wollte sich nicht als geiler Bock bezeichnen lassen.
Vor ein paar Jahren war er während eines Besuchs in Lörrach durch Brombach gegangen. Es war Winter. Oliver Mars grüßte ihn durch die Scheibe seines Büros, er grüßte zurück. Auf der anderen Straßenseite liefen zwei Mädchen, vielleicht fünfzehn, sechzehn Jahre alt. Er schaute hinüber. Da schrie eine von ihnen:
„Was glotzt Du so, Alter?"
Seltsame Gebräuche fand er und war irritiert.

Natürlich wäre er mit ihr gegangen, wenn sie ihn eingeladen hätte. Aber sie war in einem Alter, in dem sie mit älteren Männern nur für Geld mitgehen würde, für sehr viel Geld. Oder mit Stars – für die wäre sie bereit, ein Sternchen zu sein. Er saß also da, las sein Buch über Italien, der Schaffner kam immer wieder vorbei, man kannte sich inzwischen, grüßte, nickte, eine Fahrkartenkontrolle war nicht mehr nötig.
Er hatte nun wohl ihr Vertrauen. Sie fragte ihn, ob er auf ihre Sachen aufpassen könne. Sie wolle beim nächsten Halt kurz an den Kiosk, Zigaretten kaufen.
"Natürlich."
Später saß sie wieder da, telefonierte, sprach über eine lange Nacht, die ihr bevorstand.
Kurz vor einer Bahnstation stand ein Mann auf, zog sich den Mantel an. Voller Hass schaute er auf das Mädchen. Warf er ihr vor, dass sie jung war? Oder wollte er schreien: Du Hure? Es war nicht klar. Sie nahm nichts davon war, weil sie mit dem Rücken zu dem Mann saß.
In Basel stiegen alle restlichen Passagiere aus: Endstation. Einen Schaffner auf dem Bahngleis fragte er, wo der Zug nach Stein-Säckingen abführe. Der schaute in seinen Fahrplancomputer, den er um die Schulter gehängt hatte, so wie früher die Tramschaffner in Basel ihre Ledertasche umgehängt hatten mit ihren Metallröhren für die einzelnen Münzen. Wollte jemand einen Fahrschein, zog er einen von der Rolle und riss ihn ab. Mit einem Klick mit dem Daumen konnte er eine entsprechende Münze herauslassen oder hineindrücken, zum Beispiel einen halbe Franken-Münze oder eine Zwanzig-Räppli-Münze.

"Um 23 Uhr 24 auf Glas Drei."

Münsterplatz
Münsterplatz in Bad Säckingen

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