DEB by Dagmar Perinelli

Baumert im Dreyeckland unterwegs

Unvollständige Eindrücke vom Jänner 2009

Von Dieter Emil Baumert. C by Dieter Emil Baumert & VG WORT

Ich hatte die Alternative: entweder gehe ich mein Ausweisproblem aktiv an, verbinde es mit dem Besuch des Leonard Cohen-Conzerts in Lörrach oder ich lasse es schleifen, bis Vadder Staat mich ermahnt. Vielleicht war die Sonne schon zu stark letzten Frühsommer hier in Puglia. So hab ich denn auf ein wunderbares Konzert mit dem alten Charmeur verpasst – alle die ihn in schönen Berlin oder im fernen Lörrach erlebt hatten oder an einem der vielen anderen Konzertplätzen Europas schwärmten von diesem Mann, der einst auf der fernen griechischen Insel seinen Akku auflud und sich dann Jahrzehnte später im kalifornischen Zen-Kloster erdete, während zu Hause im quirligen Los Angeles seine Managerin seine Konten leer räumte. Geschichten, die das Leben schrieb und wir können der Diebin dankbar sein, denn ohne sie hätte es diese Konzerttour sehr wahrscheinlich nicht gegeben. Alles andere lässt sich bei Wilhelm Van de Wetering und seinen Zen-Büchern nachlesen.

So kam es, wie es kommen musste: ich musste im kalten Januar nach Südbaden um im bürgerfreundlichen Rathaus mir Ausweis und Pass auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen. Dazu gehörte dann das hässlichste Passfoto, das ich je hatte (die neue Technik macht es möglich), dafür modern biometrisch aufgenommen von einer jungen Fotografien in einem ältlichen Photo-Studio in Lörrach, die mit ihren Werbefotos an der Wand zeigte, dass sie ein erotisches Potential hat (zum Beispiel in der Darstellung eines voll oberkörpertätowierten Mannes). Der Frau am Schalter im Rathaus hätte ich natürlich sagen können, sie könne sich die Fingerabdrücke bei Kriminalhauptkommissar Tilly bei der Lörracher Polizei holen, aber das hätte sie wahrscheinlich nicht so doll gefunden. So ändern sich die Zeiten. Gab ich damals – im Wind des Eberle-Prozesses – meine Fingerabdrücke nur ungern, so war das nun im Rathaus zu Lörrach eine ganz normale Prozedur mit einem neuen kleinen Gerät, so wie der
Konsument heute mit Kreditkarte bezahlt. Der nächste Schritt wird der automatische Gentest sein, alles im Rathaus bezahlbar mit EC-Karte. Ob es beim nächsten Personalausweis im Scheckkarten-Format schon klappt? Wahrscheinlich eher nicht, noch gibt es die Bürgerrechtsliberalen Baum und Schnarrenberger (fehlt da nicht noch was oder wer?).

Die neue S-Bahn ist ein Segen. Auch wenn ich in ihr oder vom Weg zu ihr mein schönes Bang & Olufsen Earset verlor, aber das können wir den Schweizer Betreibern ja nicht vorwerfen, dass ihre Kunden nicht mehr so ehrlich sind, wie es einst die Kunden der deutschen Reichsbahn waren. (Wie der Deutsche noch Jahrzehnte nach der Shoa volksmundlich zu sagen pflegte: „bis zur Vergasung“). In Haagen eingestiegen und einfach weiter bis nach Weil oder bis nach Steinen zum zum Zahnarzt Norbert Findling. Oder direkt bis zum SBB. Welch ein Segen.

Bei Seuberts, die mir freundliche Gastgeber sind, obwohl Beates Vater am Dienstag ins Basler Krankenhaus muss wegen Krebs und die Schwere der Krankendiagnose, die in dieser Woche der Arzt feststellte, liegt in den Räumen des schönen Häuschens. Ein Traum sagte mir, dass Daggi mich an den Dacia erinnert und ich gehe zu unserem Renaulthändler Aberer. Bei den Vorgängern, den Fahrnbachs, hatten wir 1997 unseren blauen Megane gekauft, der uns gute Dienste leistete und ein problemloser Begleiter war. Doch die zweieinhalbtausend Euro Staatsgeschenk und ein nötiger Tüv-Termin im April bringen uns dem Kauf des günstigen Autos aus Rumänien näher. Die Kreditlinie ist schnell von Frau Aberer ausgerechnet, auch wenn der Mutterkonzern das Einfach-Auto aus dem Osten nicht mit
günstigen Krediten unterstützt. Seit meinem letzten Besuch bei Renault haben die Aberers einen neuen Bürotrakt angebaut. Ich beglückwünsche den Chef dazu, der erstaunt ist, weil das ja schon paar Tage her ist und er sich schwach daran erinnert, dass er mich ja schon öfters hier sah. Ja, so geht’s im Leben. Wenn man zwei mal im Jahr zur Inspektion geht, dann erinnert sich der Mensch an den Namen, doch wer in freien Werkstätten sich günstiger Hilfe bedient und den Tüv firmenfern macht, dessen Namen wird schon leicht vergessen. Egal, das Prospekt wird mitgenommen und ein paar Tage ist das Auto geposchtet, wie der Basler zu sagen pflegt. Mit Frau Aberer unterhalte ich mich über die Schönheit des alten R 4 und sie sagt, dass sie heute noch einen habe. Vor kurzem hätte eine Verwandte von ihr den gefahren und alle Leute hätten geschaut. Das würde ihr mit ihrem BMW nie passieren.

Dann ein paar Schritte in der samstäglichen Sonne weiter zum Bahnhof und mit der S-Bahn nach Weil. Von der Haltestelle sind es ein Paar Minuten Gehweg bis in die Stadtmitte zum Optiker Willy Süterlin in der Mittagssonne eines kalten Tages im Januar 2009. An der Wand beim Kaufhaus sitzt ein Mann mit einem kleinen Hund und bettelt. Sie genießen die Sonne, die sie anstrahlt und ich strahle die Beiden an. Ich frage ihn „Nehmen Sie auch Kleingeld?“ und er bejaht. Ich gebe ihm alles Kleingeld aus meiner Tasche und sage „Was für ein süßer Hund“ über seinen schlafenden Gefährten. Er dankt von Herzen und ich bin dankbar, dass ich ihm etwas geben durfte. Beim Optiker bekomme ich meine neue Brille, eine Gleitsichtbrille. Sie brauche ich jetzt immer öfters, auch schon beim Fernsehschauen ist sie ab und an notwendig, wenn ich die kleinen Dellen im Gesicht der freundlich lachenden Karen Mioska sehen will oder im Abspann eines guten Spielfilms die Musiktitel lesen will. Der Optiker hat ein neues Analysegerät, probiert aber parallel noch die alte Methode mit den verschiedenen Aufsatzgeräten aus. Ein Basler mit seinen beiden Töchtern kommt in den Laden und die jungen Mädels probieren die neuen Kontaktlinsen aus. Zu gerne hätten sie auch noch farbige, doch der sympathisch lächelnde Optiker sagt: „Du hast so schöne blaue Augen, da wäre es doch schade wenn Du eine farbige Linse Dir aufsetzen würdest“. Der Vater sucht eine Sonnenbrille, seine letzte hat er in Afrika verloren, beim Besuch in der Heimat seiner Frau. Auch meine Brille passt, auch wenn ich sie, ähnlich wie die jungen Mädchen, nicht gerne und nicht immer anziehen will. Freundliche Verabschiedung bei Willy, dem Optiker, der dereinst in Bad Säckingen arbeitete, während seine Freundin und spätere Mutter seines Kindes, Liz bei uns die Buchhändlerlehre machte. „Sage Dieter auch guten Tag“ musste sie ihn damals bei seinem ersten Besuch im Laden ermahnen, der nur Worte für die Gattin fand, ohne mich zu grüßen. Ja, unsere Sichtweisen sind manchmal beschränkt und unser Blickfeld ist oft, auch mit Brille, eingeschränkt.

Die Sonne scheint noch und im Werbestand der Drogerie nebenan entdecke ich schöne warme Hausschuhe aus Schafsfell. Mit der neuen Brille find ich die passende Größe für Daggi. Ich werde ihr sie ins ferne Apulien mitbringen. Ich nehme die Schuhe mit in den Laden und lege sie an die Kasse. Die Kassiererin unterhält sich mit einer Kollegin, die ihr an ihrem Kassenbildschirm etwas zeigt „Was Du mir alles zeigst“ sagt sie und lacht. Ich hole wieder meine neue Brille aus dem Etui heraus und schaue auf den Preis. Dann hole ich mein Loehn-Mäppchen heraus mit den Kreditkarten, Führerschein und Personalausweis und ziehe einen Zehn-Euro-Schein heraus. Von links kommt eine Frau aus dem Laden an die Kasse. Rechts steht ein Mann in wärmender Winterlederjacke in meinem Alter am Eingangsbereich. „Bekommen Sie etwas“ fragt sie ihn. „Ich warte auf jemand“ sagt er und die Frau links von mir sagt lachend „er wartet auf mich.“ Ihr herzliches Lachen bringt auch mich zum Schmunzeln und nach dem Zahlen sage ich in ihre Richtung „Auf Wiedersehn Frau Heute-Bluhm“ und der Mann sagt freundlich zu mir „Adee“. Diese Weiler Erlebnisse werden zu den schönsten Erlebnissen meines diesjährigen Dreieyklandaufenthaltes gehören.

Danach fahre ich wieder mit der S-Bahn nach Lörrach, der Mann mit seinem Hund ist jetzt nicht mehr da, dafür weht ein scharfer Geruch vom Imbisstand vor dem Kaufhaus. Mit der neuen Brille kann ich gut erkennen, wie viel Punkte ich benutzen muss mit der Zehnerkarte der Basler Verkehrsbetriebe. Hatte ich beim ersten Mal in Weil noch mit meinem Earset Radio gehört, musste es jetzt ohne Musik gehen. Die S-Bahn bringt mich wieder in die Innenstadt von Lörrach, wo ich den Flohmarkt besuche. Die ersten Händler sind schon am Einräumen, es ist kurz nach dreizehn Uhr. Bei einer jungen Frau kaufe einen schönen Korb, den ich Beate als Wäschekorb mitbringen werde (er wird dann dafür zu klein sein, aber sie wird ihn als Einkaufskorb benutzen), mit dem ich meine Einkäufe auf dem Flohmark sicher nach Hause tragen kann. Von ihr kaufe ich auch eine Haarbürste und eine Bürste zum Haarbürste reinigen. Ich frage sie, ob sie früher auch schon im Hebelpark Flohmarkt gemacht hat? Sie strahlt: „Ja als junges Mädchen hab ich schon da Flohmarkt gemacht, das war schön“. Ich erzähle ihr, dass wir, Lädeli und Grüne den Flohmarkt initiiert hätten und sie sagt erstaunt: „ach ich dachte, Nelli hätte das gegründet“. Ich erzähle ihr dass mich der Stadtrechtsdirektor Dressel damals ermahnt hätte: „Herr Baumert, wir möchten darauf hinweisen, dass nicht Sie der Veranstalter des Lörracher Flohmarktes sind, sondern die Stadt Lörrach“. Weil einige der Umstehenden gehört haben, ist ihr das wohl peinlich und sie macht sich schneller ans Abräumen ihres Standes.

Der Flohmarkt im Hebelpark war zu Beginn der Lörracher Flohmarktzeit ein kleines kuscheliges Plätzchen und wenigen Ständen. Heute ist er ein großer Markt, der den ganzen Postplatz und den Platz vor dem Rathaus ausfüllt. Vor der Post steht der freundliche junge Mann, der bei Weihnachtsmärkten immer Wollsachen, Honig und andere Naturwaren verkaufte. Er verkauft alte Schallplatten. Wir freuen uns, uns zu sehen. „Wie goht’s Dieter“ fragt er und ich erzähle ihm, dass wir jetzt auch in Apulien leben und dort eine Pension haben. „Und do devo könnerder läbe?“. „Joh“ sage ich und verschweige, dass wir natürlich nur mit den Einnahmen aus den Rentenversicherungen leben können und nicht vom Herbergsbetrieb. Gerne erinnere ich mich an ihn, der immer mal in’s Lädeli kam. Er gehörte zu den ersten Kunden, die uns die frische Demetermilch abkauften. Einmal die Woche kam der Demetergrosshändler und brachte uns eine Kanne Demeter-Milch. Dazu gute Joghurts und, das Beste, frische kleine Linsertörtchen. Donnerstags brachte dann Blondie vom Hotzenwald sein frisch gebackenes Biobrot, 1,5 Kg-Leibe. Vor dem Laden stand der Kühlschrank, darin lagerten die Milchprodukte. Er war offen zugänglich und nie wären wir auf die Idee gekommen, dass uns jemand beklauen könnte. Was auch niemand tat. Witzig, ja wir waren die erste Demeter-Verkaufsstelle. Die Reformhäuser hatten andere Lieferanten und der einzige Naturkostladen – Sesam, gegründet und geführt von Kalle führte am Anfang auch keine Demeter-Lebensmittel. Wir unterhalten uns noch ein wenig, über die Datensammelwut des Staates und ich verweise darauf, dass heutzutage jeder freiwillig eine Vielzahl von Daten herausgibt. „Sagsch Daggi än Gruß“ verabschiedet er sich am Ende, weil ich noch die Runde drehen will. Ich werfe die Postkarte an Dagmar in den Postbriefkasten ein, unterschrieben von allen Bewohnern der Feerstrasse. Gerade als ich mich umdrehe, beugt sich rechts von mir, wenige Meter entfernt, Karl Frieder Vortisch zu seinem Hund und ermahnt ihn zur Ordnung. Welches ordnungswidrige Verhalten der Hund begangen hatte, war mir entgangen. Da ich dem einstigen Nachbar aus der Tumringer Strasse meinen Hundeblick ersparen will, spreche ich ihn nicht an und gehe weiter poschten. Am nächsten Stand kaufe ich für wenige Euro einen großen Toaster – er wird uns viel Freude machen. Die Marktstandbetreiber versichern, dass er noch funktioniert. Auf dem Weg zum Bahnhof komme ich noch einmal bei der Frisörin vorbei, die mir die Bürsten und den Korb verkaufte. „Die Bürsten habe ich aus meiner Frisörarbeit“ sagte sie. „Aber Sie arbeiten schon noch als Frisörin“ entgegne ich. „Ja natürlich“. Bei ihr erstehe ich zwei Gummistiefel, die mir im Regen guten Dienst leisten werden. Tagelang war ich durch die Schuhgeschäfte der Stadt gezogen auf dr Suche nach guten Regenstiefeln, aber kein Modell überzeugte mich. Da kamen die Stiefel gerade recht.

Als ich auf einer dieser Suche in der Stadt bin – unserem Rechtsanwalt habe ich ein Glas Oliven vorbeigebracht mit einem Telefonkärtchen und besten Grüssen (er war natürlich nicht in der Kanzlei, sondern hatte einen Gerichtstermin), dann noch bei Uschi im gleichen Haus vorbeigeschaut, zuerst im falschen Stockwerk geklingelt, eine verschlafen aussehende Frau kommt heraus, fragt unfreundlich was ich will, ich möchte zu Frau Perinelli sage ich, die wohnt unten bafft sie unfreundlich zurück. Ach ja, da habe ich mich im Stockwerk geirrt. Ich klingle. Niemand zu Hause. Ich gehe. In der Fußgängerzone ruft mich von hinten eine Stimme: „Hallo, was machst Du denn hier?“ Ich drehe mich um – da steht Uschi vor mir, die gerade aus einem Kaufhaus gekommen ist. „Ich war gerade bei Dir, aber Du warst nicht da. Ich muss meine Pässe erneuern lassen.“

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