DEB by Dagmar Perinelli

Wo ich bin, ist die Avantgarde

Zum Parteiaustritt des GRÜNE-Mitgründers Conrad Enrico Bauer

Von Don Emilio Baumert. 4. Aprile 2009 after Christo

Nun ist also auch er gegangen: der große kleine Enrico Contatino, Gründer der Lörracher Partei DIE GRÜNEN. Er verlässt nach fast drei Dekaden das Schiff der erfolgreichsten ökologischen Partei Europas: DIE GRÜNEN.

Als in den bewegten sechziger Jahren unseres zwanzigsten christlichen Jahrhunderts die Jugend der Welt gegen die Werte der Alten rebellierte, die Studentinnen ihre wunderschönen Brüste entblößten, die Schwarzbärte der Hippies ihre Hosen herunterließen, um dann, im Gerichtssaal die Notdurft zu verrichten (“Wenn’s der Wahrheitsfindung dient”), als die rebellierenden Kinder jener Zeit die Grenzen überschritten, die noch die braunen Grenzpfähle der Altvorderen schützten, als die Langhaarigen, “die Gammler”, wie sie ein rechtspopulistisches Presseorgan nannte, hinwiesen auf den
“Muff unter den Talaren von tausend Jahren”, da saßen im heiligen Rom die klügsten Köpfe jener Zeit zusammen und gründeten den CLUB OF ROME. Der Wind der freiheitlichen kommunistischen Partito Communista Italiano, gegründet vom sardischen Poeten Antonio Cramsci, und der Geist des zweiten Vatikanischen Konzils unter den wellenden Talaren der Priester auf dem Petersplatz verhalf den Club-Mitgliedern zu einem Höhenflug in die Weltgeschichte, dessen Umlaufbahn auch ein halbes Jahrhundert später noch nicht abzuschätzen ist. “Die Grenzen des Wachstums” – seit jenen Tagen ist in das Weltbewusstsein dieser Kristall klaren Denkens gelegt worden. Niemand kann seitdem die Antithese zum fälschlich Jesus Christus zugeschriebenen vermeintlich christlichen Kampfruf “Macht Euch die Erde untertan” übersehen. Wo die Polkappen abschmelzen, die Indianer vernichtet und die Völker der armen Welt im Süden in Armut, Gewalt und Hochwasser und Tsunamis untergeht, da hat das alte kapitalistische System der sinnlosen Überproduktion ebenso wenig eine Zukunftsberechtigung, wie die alten sozialistischen Systeme des Staatskapitalismus. Dass die Erde endlich ist, so wie auch das Leben auf dieser – daran haben die großen Philosophen immer wieder erinnert und den Menschen ermahnt, nicht Gott zu spielen, sondern in Bescheidenheit den Tag zu leben, die Güter zu mehren und dabei die Mitmenschlichkeit nicht zu verlieren, sondern sie zu pflegen und auszuweiten auf die Gemeinschaft aller Wesen auf diesem Planeten.

Der alte Obmann der Lörracher Grünen, Conrad Enrico Bauer geht und schreibt seinen friends of the earth nach:
“Wenn ich gehe, dann schaue ich ohne Groll und Zorn zurück, im Gegenteil, wenn ich auf fast dreißig Jahre Mitgliedschaft bei den Grünen zurückblicke, dann bin ich an sich recht zufrieden”.
Hat er Recht – der alte Recke aus dem Stettener Buckweg? Er, der immer den Spagat zwischen altem katholischen Denken und neuem säkularem Handeln gegangen ist. Was hatte er nicht alles unter einen Hut zu bringen: junge anarchistische Gegner der Atomenergie, sich im Befreiungsblues des zwanzigsten Jahrhunderts bewegten Frauen, die darauf bestanden, dass ihr Körper ihnen gehörte und damit auch die Frucht ihres Leibes. Und – diametral entgegengesetzt – die Christen, eher fundamental freikirchlicher Gesinnung, die darauf bestanden, dass das Leben jedes Lebewesens zu schützen und zu achten sei – und sei es auch nur neunzig Tage alt. Er hielt sie zusammen, ganz der Politstratege, der weiß, dass das Ganze mehr ist als die Summe aller Teile, und der weiß, dass ein Vogel, auch ein Bunter wie der grüne, der fliegen soll, einen rechten und einen linken Flügel braucht. Virtuos spielte er auf der Klaviatur der Macht und scheute sich auch nicht vor politischen Zoten, unsinnigen Ausfällen gegen linke Hausbesetzer – wenn es opportun war. Andere Hausbesetzer konnte er, eine Dekade später, in den Zeugenstand rufen, wenn es ihm darum ging, dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister Rainer Offergeld, im Wahlkampf um Volkes Stimme vom Altkanzler Helmut Schmidt empfohlen und vom elsässischen Bäcker mit frischen Brötchen am Sonntag versorgt, abzuwatschen. Diese Eigenschaft gehörte zu seiner beliebtesten und gefürchtetsten. Wenn der Lörracher Gemeinderat, im Zwielicht nichtöffentlicher Ratssitzungen, sich und seinen Gatt(inn)en, eine Reise ins St. Moritz der damals noch bankgeheimen Schweiz gönnte, dann war es eine Wonne für den (einstmals Porsche fahrenden) Außenseiter aus Stetten, dies anzuprangern und zum Platzen zu bringen.

Auf der Klaviatur der populären Politik verstand er, das ganze Terzo wiederzugeben. Und wenn er vor lauter Argumentieren seine Zähne aufeinander schlug, dann wusste doch jeder, dass es nicht angebracht war, zwischen diese zu geraten. Riechgenau wie die Trüffelsau, die den Edelpilz unter der Erde erriecht, erroch Conrado Contatino die Bedürfnisse des il popolo. Als der weltmännisch und mediterran geprägte OB Offergeld die Stadt mit einer Schule für Manager aufwerten wollte, mobilisierte “der Obergrüne” volksmundschaftlichen Protest gegen die Umwidmung der städtischen Villa Aichele zur Stätte der Manager. “Loerrachs gute Stube” sollte erhalten bleiben und er war klug genug, nicht auf den Kunst- und Kulturbetrieb der Villa Aichele abzuheben, sondern auf Lörrachs Trauzimmer.

Immer war er am Puls der Zeit, er kannte die Bedürfnisse der Bürger und brachte sie, nicht immer auf die feine Art, zur werbewirksamen Geltung. “Was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an”, – dieses Mantra des ersten deutschen Bundeskanzlers, es hätte von Conrad Enrico Bauer stammen können. Diese Fähigkeit zur Politik ermöglichte ihm auch Engagement in Politikfeldern, die nicht, noch nicht, mehrheitsfähig waren. So engagierte er sich – erfolgreich – für und in der Lörracher Bürgerinitiative zur Darstellung des nazistischen Terrors in der von den Nazis so genannten Reichskristallnacht vom 11. November 1938 und der darauf folgenden Deportation der jüdischen Mitbürger Badens nach Gurs (die meisten von ihnen wurden in Auschwitz ermordet).

Da hat ein Mensch sich drei Jahrzehnte für sich und seine Bürger eingesetzt – allein das zollt Respekt. In einer Zeit, in der für die Mehrheit Politik sich auf Zuschauen reduziert, ist dem politisch Aktiven der Dank (nicht nur des Papstes, smile, sondern auch) des Bürgers auszusprechen. Der Bürger als Citoyen wird wissen, wie er den Selbstdarsteller Conrad Enrico Bauer einzuschätzen hat. Dass der “homo politicus” leider auch ein Wesen ist, das die Macht benötigt, und sei es nur die Macht im Dorfe, das wussten schon die Alten im schönen Grecia. Nur wenigen ist es im Leben vergönnt, die Weisheit des Diogenes in der Tonne zu haben, der den Silvios dieser Welt auf ihre scheinbar gönnerhafte Frage, was sie denn für ihn tun können, antwortet: “Geh mir aus der Sonne.” Dass Politik ein abhängig machendes Suchtmittel sein kann, am Beispiel des Stettener Conrad Enrico Bauer lässt sich dies auch östlich der Wiesentalbahnlinie erkennen.

Ob es “Mut ist, sich neu zu orientieren, wenn man erkennt, dass der eine Weg nicht zum Ziel führt” (CHB)? Vielleicht. Wir wünschen uns, auch angesichts des Scherbenhaufens eines entfesselten Kapitalismus und des Versagens der Staaten, die viel zu lange das Lied der vermeintlich liberalen Entstaatlichung sangen, von Politikern, dass sie sich neu orientieren. Ob dabei der grünliberale” Weg der richtige ist oder nicht doch vielleicht der “ökolibertäre” – das wird die Zukunft zeigen – christlich, atheistisch, multireligiös oder säkular. Viva la Vida.

Don Emilio 3. Aprile 2009 anno Domini

Dieter Emil Baumert, geboren 1952 in Säckingen, war bis Mitte der Achtziger Jahre der erste Geschäftsführer der GRÜNEN im Landkreis
Lörrach. Baumert trat den GRÜNEN beim Gründungsparteitag in Karlsruhe im Januar 1980 (mit Petra Kelly und Rudolph Bahro) bei, den er als Herausgeber der Alternativzeitschrift ZITTIG beobachtet hatte und war – freiwillig – bis 1990 – Mitglied der Ökopartei.

CONRAD BAUER, 25. März 09

An den Kreisvorstand der Grünen Lörrach

GEDANKEN ZUM ABSCHIED

(Mit der Bitte um Veröffentlichung im Kreisrundbrief)

Ich erkläre hiermit mit sofortiger Wirkung meinen Austritt aus der PARTEI BÜNDNIS 90 – DIE GRÜNEN

Wenn ich gehe, dann scheide ich ohne Groll und ohne Blick zurück im Zorn. Im Gegenteil, wenn ich nun auf fast 30 Jahre Mitgliedschaft bei den Grünen zurückblicke, dann bin ich an sich recht zufrieden. Als Gründungsmitglied der Grünen war es mit vergönnt, zusammen mit Dieter Nestle, Wolfgang Zschämisch, Dieter Langner und anderen einen Lörracher Ortsverband zu gründen ,dem dann auch recht bald alle heute existierenden Ortsverbände folgten. Gerade aus Wien zurück organisierte ich in etwa 4 Wochen aus dem Stand einen Kreistagswahlkampf und rückte mit 6 Mandaten als erste Kreistagsfraktion in Baden-Württemberg neben Tübingen schon 1979 in den Lörracher Kreistag ein. 1980 bekam ich dann dazu noch ein Mandat zusammen mit Jürgen Kleinwächter im Lörracher Stadtrat und ein Mandat als Mitglied des Regionalverbands Hochrhein-Bodensee, wo wir auch in Waldshut dann gleich mit einem Mitglied aus Waldshut und Konstanz eine dreier Fraktion bilden konnten.

In allen drei Gremien amtierte ich gleich von Anfang an als Fraktionsvorsitzender. In allen drei Gremien mit Ausnahme des Regionalverbands blieb ich ununterbrochen Mitglied bis zum Jahre 2004 und setzte all meine Kenntnisse und Kraft zusammen mit vielen
Mitstreitern von denen ich stellvertretend nur einmal die Namen Dr. Nestle, Dr. Hoffmann, Rita Perry, Heiner Lohmann, Lüder Rosenhagen, Dr. Eva Jopski, Wolfgang Zschämisch, und aus neuerer Zeit Albrecht Cerff, Josha Frey, Dagmar Perinelli, Dr. Kai von Klitzing, Gabi Reinhard, Marianne Goldschmidt, Ruth Fischer und Margarete Kurfess nennen möchte, für Ziele in einer ökosozialen Linie im Rahmen einer konstruktiven Oppositionsarbeit ein. Da wir damals mit Dieter Baumert als Kreisgeschäftsführer noch basisdemokratisch orientiert waren und als Mandatare in Lörrach vornehmlich Basisgruppen und Bürgerinitiativen im Rat vertreten haben, blieben die Erfolge auch nicht aus. Ich erinnere in Lörrach nur an den Stettener Markt, 9ooo Unterschriften zur Rettung der Villa Aichele, oder an die Arbeit in der BI Bürgerhaus-so nicht, sowie für Nellie, SAK, Frauen helfen Frauen, oder Milchhüsli Stetten.
Aktivitäten bei Ostermärschen, bei amnesty international, beim Volkszählungsboykott bei Friedensinitiativen oder bei der Aktion Volksentscheid rundeten das politische Spektrum ab.

Dieses Bild hat sich in Lörrach leider verändert. Als ich in meiner Mandatspause 05 -09 als „Alt 68er“ wieder daran ging, in bewährter APO Manier mit Bürgerinitiativen gegen das Verwaltungs- und Ratsestablishment anzugehen, wobei ich mit dem urgrünen Thema der IG- Rosenfels, unter dem Slogan „Hände weg vom Rosenfelspark“ einen massiven Eingriff in den Bereich dieser für Lörrachs Naherholung lebenswichtigen Grünzone durch Schulbauten und Lehrerparkplätze verhindern konnte, bekam ich von der Grünen Fraktion überhaupt keine Unterstützung. Einen funktionierenden Ortsverband gibt es leider seit etwa fünf Jahren in Lörrach auch nicht mehr. Mitgliederbetreuung, Basisbeteiligung an der Fraktionsarbeit, politische Aussagen des Ortsverbands? – Fehlanzeige! Daran wird wohl auch die Alibiveranstaltung einer schnellen Vorstandswahl kurz vor der Wahl nichts ändern. Die Fraktion, die an sich gute Arbeit leistet, aber mehrheitlich nicht aus Grünen Mitgliedern besteht, hat sich von der Basis abgehoben als Kaderformation ins Rathaus zurückgezogen und ist für eine objektive Diskussion über nachhaltige, zukunftsbezogene Veränderungen und Zielprojektionen in Richtung einer neuen Dimension der Lörracher Stadtentwicklung leider nicht mehr ansprechbar.

Seit etwa zwei Jahren arbeite ich nun mit der BI Lörrach –Schrankenlos daran, eine neue Dimension der Stadtentwicklung in Richtung einer Aufhebung der Teilung der Stadt durch die Bahnlinie, verbunden mit einer schrankenlosen Durchlässigkeit für mobile Bürger, zu erreichen. Unser Ziel ist es, die durch die bisher einseitig nach Westen orientierte Innenstadtentwicklung ökonomisch, baulich und kulturell vernachlässigten zentralen Bereiche im Osten durch Öffnung der Wallbrunnstrasse wiederzugewinnen und vor allem die Ufhabi und den zentralen Vorkriegsbereich am Engelplatz zu revitalisieren und die Bahnhof Ostseite vom dem neuen Western-Hotel südwärts in die Masterplanüberlegungen mit der Neuordnung der funktionalen und verkehrlichen Zusammenhänge im Bereich Landratsamt, Postareal, Finanzamt, Rathaus, Bahnhofvorplatz zu integrieren. Um dieses Ziel zu erreichen, plädieren wir dafür, die willkürliche Begrenzung der Innenstadt durch die Bahnlinie neu zu definieren, und das starre, 10 Jahre alte Käseglockenprinzip des MZK inbesondere in Richtung Meraner- und Engelplatz der wachsenden Konkurrenzsituation aus der Nachbarstadt und dem regionalen Umfeld sortimentsbezogen anzupassen.

Die Vorteile liegen auf der Hand. Lörrach steht ja in Konkurrenz zu Weil, eine Stadt die planerisch mit der grenzüberschreitenden Tramanbindung und dem Rheinarkadenprojekt aktiv schon viel weiter ist, und kann sich eben nicht auf seiner bislang noch attraktiven Kernstadt ausruhen, sondern sollte ebenfalls eine Zukunftsplanung in Richtung Lörrach 2020 in Angriff nehmen. Auf dem Weg zu diesem Ziel sind wir bestrebt, mit einer Nutzwertanalyse die technische und ökonomische Machbarkeit für eine Tieferlegung, sowie die daraus resultierenden Vorteile für die Stadtentwicklung prüfen zu lassen und einen Beschluss des Gemeinderates hierfür zu erreichen.

Im Gegensatz zur amtierenden Fraktion der Grünen habe ich nun bei Prof. Paul und Mario Perinelli, sowie beim Ortsverband der FDP offene Ohren und rückhaltlose Unterstützung für diese Zukunftsperspektive erhalten. Aus diesem Grunde habe ich mich entschlossen, auf der Liste der FDP zu kandidieren. Ich werde der FDP nicht beitreten und wie auch schon in der Presse geäußert, weiterhin, nun aber als „Grünliberaler“ für die Belange der Ökologie eintreten. Es wird von meiner Seite aus auch keinen generellen Konfrontationskurs gegenüber der Grünen Fraktion geben.

Ich war immer schon bei der Avantgarde, ich denke, wenn man erkennt, dass der eine Weg nicht zum Ziel führt, muss man auch den Mut haben, sich neu zu orientieren.

Conrad Bauer

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